Published Manuscript

Reinigung Und Reinheit (Purification and Purity)

EA 15/07a.

Additional Information
Author Eberhard Arnold
Date August 22, 1915
Document Id 0000000038_07_S
Available Transcriptions German

Reinigung Und Reinheit

[Arnold, Eberhard and Emmy papers – P.M.S.]

Evangelisches Allianzblatt, 22. August 1915

EA 15/7a

Reinigung Und Reinheit

Dr. Eberhard Arnold

"Groß ist die Zeit und gewaltig; doch wehe, wenn unsere Herzen Rein nicht sind: wie sollen im riesigen Kampf wir bestehen?" (Robert Hamerling)

Im ganzen alten Testament ist der äußeren Reinigung große Bedeutung beigemessen (3. Mose 15, 2-33; 4. Mose 19,11-22; 3. Mose 22,4; 4. Mose 5,2; 4. Mose 9,6,7,1O; Hagg. 2,13.) und heute sind es nicht selten die edelsten Menschen, welche auf Reinlichkeit den größten Wert legen, indem sie hoffen, durch die äußerliche auch eine innere Sauberkeit zu erzielen, wie es Goethe in den Wahlverwandtschaften ausgedrückt hat: "Reinlichkeit veranlaßt die Kinder mit Freuden etwas auf sich zu halten." Wahlverwandtschaften 2,7). Ein neuerer Schriftsteller, der die christliche Reinheit ablehnen wollte, schreibt ganz im Einklang mit Goethe: "Man soll den Sinn für die Reinlichkeit im Kinde bis zur Leidenschaft entfachen", später erhebt er sich, in immer neueren Verwandlungen, fast zu jeder Tugend hinauf und erscheint zuletzt wie eine Lichtfülle von Reinheit, Mäßigkeit, Milde, Charakter, - Glück in sich tragend, Glück um sich verbreitend. (Verm. Meinungen u. Spr. 288). Noch deutlicher bringt er die Meinung zum Ausdruck, daß von der äußerlichen Reinlichkeit aus die innere Reinheit sich ergeben soll, wenn er von dem höchsten Instinkt der Reinlichkeit schreibt: "eben das ist Heiligkeit ─ die höchste Vergeistigung des genannten Instinktes."

So verkehrt und aussichtslos dieser falsche Weg von außen nach innen sich beweisen muß, so trägt er doch am meisten zur Verdeutlichung der wahren Reinheit bei. Das alte Testament ist als Schatten und Abbild (Kol. 2,17; Ebr.1O,1) unentbehrlich für die Gewinnung einer völligen Klarheit, wenn auch oft die Gegensätzlichkeit zu wahrer Vollkommenheit betont werden muß.

"Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler", hat Jesus den Vertretern der äußeren Reinlichkeit zugerufen, "denn Ihr reinigt das Äußere des Bechers und der Schüsseln, inwendig aber sind sie voll von Raub und Unenthaltsamkeit."(Matth.23, 25-26). Und er, der einzig Reine, der auf dieser Erde rein geblieben ist, gibt den umgekehrten Weg an, wie ihn jene gegangen waren: "Reiniget zuerst das Inwendige des Bechers und der Schüssel, auf daß auch das Auswendige derselben rein werde."

Aber die inwendige Reinigung ist den Menschen aus sich selbst unmöglich, weil er nichts Reines hat, womit er die Unreinheit abwaschen könnte. Denn rein ist das Wasser nur in reiner Quelle. Und eine innere Reinigung gibt es nur durch den, der selbst rein ist.

Deshalb sagt er zu seinen Freunden: "Ihr seid rein." "Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe." (Joh.13,1O; Joh. 15,3; Eph. 5,26.) Der reine Einfluß der von ihm ausgeht und in seinen Worten Kraft und Gestalt gewinnt, macht ganz rein, wie ein in reinem Wasser Gebadeter ganz rein wird. (Joh. 13,1O; Ebr. 1O,22; Hes.36,25). Nur in dem reinen Wasser ist Reinheit. Wer diese Reinheit irgendwie in sich selbst sehen will, der verleugnet sie von Grund aus, auch wenn er seine Reinigung noch so sehr dem Herrn und der Gnade zuschieben will.

Denn die Reinigung von der Sünde (Jer.33,8; Ps.51,4; Hes.36,33; 2.Petr.1,9; 1.Joh. 1,9; Ebr.1,3) von der Untugend und von den toten Werken durch das Blut Christi bedeutet nicht einen körperlichen oder einen seelischen Vorgang, wie die Reinigung im alten Bunde; sondern sie besteht gänzlich in der Reinheit seines Blutes, in der Opferung seines unbefleckten Lebens (1.Joh.1,7). Nur in der reinen Atmosphäre seiner Reinheit sind wir rein. Nie kann Reines von dem Unreinen kommen (Hiob 14,4). Das reine Herz und der neue Mensch ist er selbst ─ der Herr, der in uns (5) Wohnung gemacht hat.

Seine Wirkung erstreckt sich schon jetzt von der Innerlichkeit des Geisteslebens auf die Reinigung aller Gebiete, daß nicht nur unsere Hände und Lippen gereinigt werden (Zeph.3,9; Jak.4,8) und unsere Glieder von der Unreinheit der Unzucht bewahrt bleiben, sondern daß unser Leib überhaupt ein Tempel des heiligen Geistes ist (1.Kor.6,19,2O), mit dem wir Gott verherrlichen.

Aber wie es immer nur der Herr selbst ist, der diese Verherrlichung ermöglicht, so kann es nur derselbe Christus sein, der an meinem Leibe hoch erhoben werde, es sei durch Leben oder durch Tod (Phil.1,2O). Wie er es war, der die Sünder und Kranken, die Aussätzigen (Matth.8,3; Matth.11,5) und Besessenen von aller Unreinigkeit des Leibes und Geistes befreite, so kann es auch nur er allein sein, der unsern Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit. Wenn das alte Testament die Verunreinigung durch natürliche Vorgänge, leibliche Krankheit und Tod betont, so muß sich die vollkommene Reinigung durch den Herrn auch auf alle Unreinheiten des Leibes erstrecken. Jetzt ist dies noch nicht geschehen, denn wir erwarten noch mit Seufzen in uns selbst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes. (Röm.8,23; Phil.1,2O). Aber wir erwarten den Auferstandenen und Verherrlichten, wir erwarten den Herrn Jesus als Heiland, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen. (Phil.3,21).

Das erst ist die wirkliche Reinheit, die vollkommene Reinheit, denn wir wissen, daß wir ihm gleich sein werden, ihn sehen, wie er ist." (1.Joh.3,1.)