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Die heutige Lage der Bewegungen im Erleben einer freideutschen Tagung

EA 26/10a

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Author Eberhard Arnold
Date September 01, 1926
Document Id 20126083_26_S
Available Transcriptions German

Die heutige Lage der Bewegungen im Erleben einer freideutschen Tagung

[Arnold, Eberhard and Emmy papers - P.M.S.]

EA 26/10a

Die Wegwarte, September 1926

Die heutige Lage der Bewegungen im Erleben einer freideutschen Tagung

Am 9. und 10. Januar 1926 tagte der Freideutsche Werkbund in Berlin, um sich darüber klar zu werden, ob der Bund seinem Ziel und seiner Bestimmung gerecht werden könne. Wie sich jeder reife Mensch fragen sollte, ob sein von ihm gestaltetes Leben sich dem wahren Sinne des Menschseins nähert, so sieht sich der Freideutsche Werkbund vor die Frage seiner Existenzberechtigung gestellt. Alle die, denen die Forderungen des Bundes, wie sie durch den „Ruf an uns“ und auf dem Ludwigstein gestellt wurden, Gewissenssache waren, rangen in diesen Januartagen ernst um die Bundesfrage. Sie drangen über die Bundesfrage hinaus zu den tieferen Lebensfragen vor, wo sich Bundesfrage und persönliche Lebensfrage treffen. Sie sahen sich gemeinsam vor die letzte Frage, nach der Bestimmung der auf der Erde seienden, lebenden und gestaltenden Menschheit gestellt. Aus all den Gesprächen kristallisierte sich eine für den Bund charakteristische wartende Haltung heraus, der wiederum durch klar weisende Zeugnisse Einzelner der Zentralpunkt und das Endziel, auf das sich dieses Warten allein richten kann, gewiesen wurde.

So ist das Bild dieser Tage ein lebendiges ringen um ein sinnerfülltes Leben ewigkeitsuchender Menschen und dadurch über eine reine Bundesangelegenheit hinaus.

Zunächst führte Erich Mohr aus:

Nur ein kleines Häufchen, so scheint es, fühlt heute noch die Verantwortung für den freideutschen Namen, und beruft sich nach wie vor auf das Meißner Gelöbnis. Verschiedene Versuche das freideutsche Panier hochzuhalten, scheiterten, weil sie letzten Endes zu flach rationalistisch waren, und weil sie nicht mehr in Fühlung standen mit dem Sehnen und Streben der nächstjüngeren Generation. Diese sieht sich, nach dem Krieg erwachsen, vor ganz neue Aufgaben gestellt. Die ernste Gefahr des politischen Rationalismus versuchten wir durch den "Ruf an uns" und das Ludwigstein-Gelöbnis zu bannen. Dennoch erlagen wir bis heute der zweiten, da wir ohne Gefolgschaft blieben. Es widerstrebte uns, die Werbetrommel zu rühren; aber gerade dadurch wurden wir erst spät gewahr, daß wir so ganz ohne Nachwuchs zum Absterben verdammt wären. Und je mehr wir über die Ursache dieser Isolierung nachdenken, umsomehr gewahren wir, daß wir in der großen Gefahr stehen, nicht nur die Fühlung mit dem echten inneren Leben, sondern auch die mit der äußeren Wirklichkeit zu verlieren. So hat unser Bundestag die doppelte Aufgabe, über allen Zweifel erhaben unser Zeugnis für die ewigen Kräfte, die unser persönlichstes Sein gestalten und damit unser Wirken in der Welt besimmen, klar und deutlich festzustellen, und zweitens damit Richtung und Weg zu zeigen unseren jüngeren Kameraden, die mehr als wir selbst nach Klarheit unf Formung in Wollen und Wirken drängen. – Es ist auch in unserem Bundesrundbrief der bis in unseren Wesensgrund reichende Zweifel bekundet worden, ob wir noch eine Lebensberechtigung als freideutscher Werkbund haben.

Der Bund hat die Aufgabe, die er sich gestellt hat, nicht erfüllt. Die Sannerzer Ortsgruppe dringt darauf, dem Bunde durch die Besinnung auf seinen

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wesentlichen Gehalt Gepräge und Charakter zu geben. Sie hat dabei auf den „Ruf an uns“ im besonderen verwiesen, der sich mit doppelter Schärfe an uns selbst wende. So wenig eine Formulierung an sich besagen kann, so sehr bin ich mir darüber klar, daß die hier ausgedrückte Gesinnung die unsere ist und bleiben wird. Aber auf den Geist, die lebendige Verantwortung kommt es an: Es fehlt heute dem Bunde und seinen Mitgliedern die Entschiedenheit und damit die Kristallisationskraft zu wirklichem neuen Leben. Die Wahrhaftigkeit fordert zu sagen, was ist: Wir sind kein Werkbund. Zwar wirkt jeder von uns im stillen, und das soll ausdrücklich anerkannt werden; aber dieses unser Wirken läßt nirgends den Bund sichtbar werden, und so wären wir höchstens ein Bund von Werkenden, aber nicht ein Bund des Werkes. Nicht das Wirken eint uns, sondern die dahinterstehende Gesinnung. Ist diese nun wirklich untrennbar von uns, ist sie eine sieghafte Kraft, oder ist sie ebenfalls zum Erlahmen nach vergeblichem Ringen verurteilt? Wehrt sich in uns noch genügend quellende Kraft dagegen, daß unsere freideutsche Art zu Grabe getragen wird? Ist es wirklich nichts als ein verblendetes Autonomiebewußtsein, ein Nichtsichbinden, – Nichtsichopfernwollen, was sich in uns immer wieder dagegen aufbäumt? Ist dieser Freiheitswille, der den stolzen Namen "Freideutsch" schuf, nunmehr endgültig gestrandet? Oder haben wir noch eine Sendung? Noch einen Glauben an diese Sendung?

Dies ist die Frage, um die gerungen werden wird, und die zusammenfällt mit der Forderung, daß uns ein Geist der Entschiedenheit beseelen muß, der sich nach außen deutlich sichtbar auswirkt.

Dieser Geist, dieser Glaube kann uns nur geschenkt werden. Und dann sind wir gewiß, daß dieser Glaube einst so erstarkt, daß er zur sinnbildlichen Tat wird. Bis dahin werden wir uns als Gemeinschaft der Wartenden um so inniger zusammentun. Können wir aber heute nicht zu dieser tiefen Einheit und Gemeinsamkeit gelangen, dann nützen auch alle unverbindlichen Arbeitsgruppen und persönlichen Zusammenschlüsse nicht der Sache, um die es uns einzig und allein geht: der Sache des Reiches Gottes, der werdenden Gemeinde, der zukünftigen Volks-und Menschheitsgemeinschaft.

Wird uns jedoch diese Sache heute und für immer gewiß, so wird jeder auch mutiger in seiner Einzelarbeit sie zu vertreten wissen und wird sehnsüchtiger und eifriger daran arbeiten, daß durch persönliches Zusammenleben und -wirken, durch gegenseitige Hilfe und Zucht neue Lebensformen entstehen. Dann wird auch die Solidarität mit den Siebzehnjährigen sich klar herausbilden.

Erst in dritter Linie wäre die Frage nach der organisatorischen Form zu stellen. Meine erste Frage, die ich sonach an den Bund richte, ist die der Sannerzer: Haben wir als Bund einen konkreten, d.h. bestimmbaren Wesensgehalt, und ist dieser mit dem "Ruf an uns", sowie den Beschlüssen vom Ludwigstein übereinstimmend?

Ich habe darüber im vorletzten Bundesrundschreiben mich ausgesprochen und als ein Sinnbild der Bundeshaltung die Pädagogische Provinz aus Goethes „Wilhelm Meister“ bezeichnet: Die Sehnsucht in dreierlei Sinn wird unser Leben adeln zu heilig nüchternem Tagwerk.

Darauf nimmt Eberhard Arnold zur Begründung der Sannerzer Anträge das

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Wort: Gerade aus der Überzeugung von der Sache des Bundes und seiner Aufgabe fordern wir seine Auflösung für den Fall, daß es nicht gelingt, eine konkrete Inhaltsbestimmung der Meißner-Formel und eine konkrete Arbeits-Aufgabe des Werk-Bundes zu gewinnen.

Es handelt sich um eine sachliche Frage, um die wesentlich grundlegende Frage. Berliner freideutsche Zusammenkünfte bewirkten in mir seit vielen Jahren Eindrücke stärkster Ehrfurcht vor der Größe des Kommenden, aber zugleich empfand ich dort stets in ihnen die Not stärkster Dämonie. Wir Sannerzer bekennen uns zum Freideutschtum und werden uns dazu bekennen, so lange wir leben. Aber gerade deshalb müssen wir die Grundfrage des Freideutschtums gründlicher stellen, als sie uns allen meist bewußt ist. Die Wahrhaftigkeit, die wir fordern, muß uns bis zu dem Dostojewskischen Bekenntnis führen, daß wir allen gegenüber in allem schuldig sind. Wir müssen in unserer Wahrhaftigkeit bis zu einer bis ins Innerste erschütternden Einsicht unserer persönlichen Schuld und unseres gesamten Schuldzusammenhangs mit dem Untergang der jetzigen Menschheit gelangen. Unsere Wahrhaftigkeit also muß eine Wahrhaftigkeit des Gewissens werden, die vor keiner Konsequenz des Gerichts über sich selbst und über uns alle zurückschreckt. Die Selbständigkeit, die Forderung wirklicher Freiheit und Selbstbestimmung mit der ihr entsprechenden Haltung, bedeutet, daß wir dastehen, ohne von anderen Gewalten, von äußeren Mächten und Dingen abhängig zu sein. Dieses Zeugnis der Freiheit als der eigenen Bestimmung, ist in seiner Tiefe zu fassen. Ich glaube, daß in bezug auf die Wahrhaftigkeit durch die ganze Jugendbewegung in den letzten Jahren überall eine machtvolle Gewissensregung gegangen ist. Was Stählin, Schafft und andere, Karl Barth, Thurneysen, Neuwerk und religiös-soziale Bewegungen aller Art zu sagen hatten, bedeutet eine tiefere Einsicht in den Schuldzusammenhang, als es vor dem Kriege der Fall sein konnte. Aber ich glaube zugleich, daß das Wesen des Freiheitskampfes in unserer Gesamtbewegung wesentlich abgeschwächt ist, wenn wir uns mit der früheren Zeit vergleichen. Diese Tatsache weckt Bedenken gegen die Wesenstiefe, gegen die letzte Wirklichkeit jenes unseres Schuldgefühls. Denn die Wahrheit führt immer zur Freiheit. Diese Ereignisse aber führten in neue Abhängigkeiten von Staat, Kirche, Beruf und Bürgertum.

Wenn die Wahrheit uns nicht frei macht, so ist zu bezweifeln, ob die Wahrheit auf uns überhaupt jemals entscheidenden Einfluß gewonnen hat. Ich glaube, daß die freideutsche Bewegung in ihren früher stärkeren Zeiten der Befreiung näher gewesen ist, als sie jetzt Befreiung erlebt, ja daß wir gerade für die Freiheit in einer ungeheuren Niederlage der Gesamtbewegung begriffen sind. Das gilt keineswegs nur von den Leuten des Freideutschen Werkbundes. In der ganzen Gesamtbewegung zeigt sich dieselbe Lage. Nur wenige brachten den Mut dazu auf, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Was früher am Freideutschtum beglückte, das war der radikale Wille zur Befreiung des Geistes, zur inneren Unabhängigkeit des Gewissens und des gesamten Geisteslebens, zur Lebenshaltung der Freiheit auf allen Gebieten. Es bedeutete dieser Wille von jeher die Gläubigkeit, daß man frei werden kann von allen den Beziehungen, Verhältnissen und Dingen, die uns bedrücken und umstricken. Es war eine innere Sicherheit und Siegesgewißheit,

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ein entschlossener Kampfesernst. Sein Leben wollte man dafür wagen, gegen das mit Fluch beladene Bürgertum aller Art die Freiheit zu behaupten und zu erkämpfen. Man verstand unter dem Bürgerlichen nicht ein billiges Schlagwort, sondern das von Herzen Hassenswerte, das vom Geiste immer und unter allen Umständen gehaßt werden muß. Man verstand darunter die Versklavung des Geistes und der Seele unter die tote Gewohnheitsüberlieferung, unter die uns umstrickenden zivilisatorischen Gegebenheiten, unter all das, was nicht echt ist, was nicht lebendig gewachsen ist. Als Bürgertum war der „Un-Geist“ gemeint, der niemals durch die Seele hindurch die Materie gestalten kann, der vielmehr die Materie verdirbt, verkitscht und entseelt - und nicht bloß die Materie toter Stoffe, sondern mehr als das: die Materie des menschlichen Leibes. Dieser Ungeist führt zur Verderbnis der menschlichen Persönlichkeit, die unter seinem Einfluss aufhören muß, Persönlichkeit zu sein. Wenn wir wirklich Freideutscher Werkbund bleiben wollen, müssen wir frei werden wollen. Wir müssen wieder den radikalen Kampf aufnehmen gegen die Zivilisation um uns her, gegen die gesamte heutige Welt, müssen wieder revolutionär werden bis auf die Knochen, das aber in einem viel tieferen Sinne, als etwa Sozialdemokratie und Bolschewismus es gemeint und vermocht haben. Das Freideutschtum weist auf den richtigen Weg. Es ist aber diese revolutionäre Haltung radikalster Befreiung des Menschen nur denkbar, wenn wir etwas von Verantwortung wissen. Das eben war die Freiheit des Freideutschtums, daß man Verantwortung für die Lebensgestaltung wollte; denn beides gehört zusammen. Freiheit und Verantwortung sind eins. Verantwortung ist der Charakter – Ausdruck des inneren Zusammenhangs aller Dinge und Verhältnisse. Sie meint das Ganze. Sie will den einen Geist unbedingter Einheit. Verantwortung ist eine Haltung, die in allen Schritten und Handlungen sittlich bestimmt ist. Demgegenüber kann keine weichliche inhaltsleere Freiheitsstimmung bestehen, die in Wirklichkeit unfrei wäre, nach der jeder machen könnte, was er im Augenblick wollte oder was ihn magnetisch anzöge. Es gilt hier die allein mögliche Freiheit, die Freiheit der inneren Bestimmung der Menschheit, zur Menschwerdung der ganzen Menschheit. Wir müssen von unserem Subjektivismus erlöst werden, von jenen qualvollen Verdrängungen befreit werden, die immer nur auf ein unbefriedigtes Ich verweisen. Wir wissen, worum es geht, und wir haben nicht die Kraft gehabt, von diesen Schwächen frei zu werden. Warum sind wir aus dem Subjektivismus des 19. Jahrhunderts nicht wirklicher herausgekommen? Warum sind wir nicht zu verantwortlicher Haltung in Tat und Wort durchgedrungen? Das muß seinen tiefen Grund darin haben, dass wir uns scheuten, die objektive Wahrheit zu erkennen, durch die wir zur die Verantwortung gegenüber dem Ganzen gekommen wären. Weil wir uns vor dem Inhalt der Freiheit gescheut haben, konnten wir das Leben nicht gestalten. Man kann das Leben nicht nach wechselnden Stimmungen gestalten. Man kann es nur nach tiefsten und letzten, nach bleibenden objektiven Überzeugungen gestalten. Man kann es nur gestalten, wenn man gewiß ist, was das Leben ist, woher es kommt und wohin es geht. So möchte ich sagen, alle Worte des Freideutschen Bekenntnisses sind gut und klar; sie sind nur zu leichtfertig und oberflächlich, zu inhaltsleer aufgefaßt worden. Ich habe also die

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einfache Forderung an uns zu stellen, wir müssen endlich einmal ernst und tief werden. Wenn wir das nicht werden, hat es keinen Sinn, daß wir uns Freideutscher Werkbund nennen. Gerade das, was Erich Mohr über den Werkbund als werkenden Bund sagte, zeigt das wirkliche Bild am deutlichsten. Es ist nicht zufällig, daß wir den Namen Freideutscher Werkbund bekommen haben; denn freideutsch ist die Forderung der Lebensgestaltung. Sie muß damit als solche für den gesamten Bund als Ganzes verbindlich bleiben. Es kommt darauf an, ob Lebensgestaltung geschaffen wird. Wir haben nur dann ein inneres Anrecht, als Freideutscher Werkbund zusammen zu bleiben, wenn wir gemeinsam ein Werk treiben, wenn wir das Leben wirklich umgestalten, wenn es an uns offenbar wird, daß in unserem Bund das Leben anders ist und deshalb auch ganz andere Formen mit anderen Arbeitsmöglichkeiten gewinnt, als außerhalb so bestimmter Gemeinschaften. Wenn wir wirklich freideutsch werden in dieser Besinnung auf die Wahrheit und auf die Arbeit: wie werden wir ein Bund? Wir sind Bund, wenn wir wahrhaftig, frei, verantwortlich und lebensgestaltend werden. Wir sind heute weder freideutsch, noch Werk, noch Bund. Ich sage das in dem festen Glauben, daß wir jeden Augenblick freideutsch und Werk und Bund werden können: aber wir können es nur unter einer ganz bestimmten ungeheuren Bedingung, vor der wir uns fürchten. Für den Bund und sein Werden ist entscheidend, was gegenüber einer anderen Gruppe der Bewegung von Sannerz aus gesagt wurde. Es handelt sich doch überall, hier wie dort, um nichts anderes als dieses: Das Eine, Einfache, worum es allein geht, ist das Gemeimnis der Gemeinde. Ihr sind wir alle verantwortlich. Ihr gehört unser Gelübe der unverbrüchlichen Treue, der unzerstörbaren Einstimmigkeit, der untrennbaren Vereinigung. Nicht eine führende Gruppe hervorstehender Menschen, nicht Harmonie und Kameradschaft zwischen gleichberechtigten Menschen führt voran; nichts dergleichen kann Basis für die Gemeinsamkeit des Lebens sein. Nicht das menschlich Gemeinsame in Vorsätzen, Grundsätzen und Gefühlsbeziehungen, nicht Intellekt, Verstand, Vernunft oder Gedanke der Menschen, nicht irgendein Rechthaben von Menschen gegen Menschen wirkt Gemeinschaft, sondern einzig und allein das Hervorbrechen und Hereinbrechen der Gemeinde aus der andern Welt in unsere Welt befreit uns, ruft uns, verpflichtet uns, einigt uns, bindet uns, sendet uns. Unrecht von Menschen gegen Menschen, geschäftliche Benachteiligungen, menschliche oder juristische Ungerechtigkeiten, menschliche Untreue und Ehrfurchtslosigkeit zwischen Menschen sind durch Vergebung, durch Ertragen des Unrechts, durch Hingebung aller Besitztümer und aller Vorrechte zu überwinden. Ganz anders der Frevel in der Gemeinde, das Vergehen an dem Treuegelübte ihrer Einstimmigkeit: Ananias und Saphira hätten ihr Gut oder einen Teil aus dessen Erträgnissen für sich nehmen können, wenn sie nicht an dem Gelübde, das sie der Gemeinde schuldeten, gefrevelt hätten. Der Geist straft nicht das Behalten und Nehmen der Dinge, die geschäftlich und juristisch zu fassen ist, als solches; er rügt nicht in moralischem Sinne; er straft vielmehr das Ichtum in seiner Gemeinde-Widrigkeit, das Belügen des Heiligen Geistes, die Untreue, die Schädigung an dem Geheimnis der Gemeinde.

Die Wahrhaftigkeit, die Freiheit und Brüderlichkeit, die aus der Gemeinde

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der anderen Welt einem menschlichen Bunde gegeben wird, wirkt Verantwortung in Kampfgemeinschaft. Diese Kampfgemeinschaft bedeutet glühend vertrauende Liebe zu dem heiligen Ruf, der aus der anderen Welt zu allen kommt. Als Kampf-Gemeinschaft haßt und bekämpft sie mit derselben Glut der Begeisterung und des Glaubens alles, was irgendein Abweichen von der Gemeinde bedeutet oder bewirkt. Es gibt keine andere Brüderlichkeit als die des letzten Kampfernstes mit einander, für einander und gegen einander. Das Miteinander und Füreinander ist Einheit des Einstehens für die Tatsächlichkeit der Gemeinde: das Gegeneinander ist das Kämpfen gegen das nur Menschliche, nur Dämonische in uns selbst und in den Mitmenschen. Wir haben keinen Zweifel, daß alle Einzelfragen des Lebens von dieser Glaubenseinheit her zur vollen Einstimmigkeit gelöst werden. Von der Wirklichkeit der lebendigen Gemeinde aus glauben wir an die Zukunft des kommenden Reiches. Von dem Glauben an die kommende Neuordnung, die aus der anderen Welt alle irdischen und menschlichen Dinge zur Gerechtigkeit und Harmonie bringt, gelangen wir schrittweise zur Tat und zur Arbeit. Diese Arbeit, die dem Charakter der Zukunft entsprechen muß, muß gemeinsame Sache werden und in alle Verhältnisse tatkräftig eingreifen.

Die Kraft der Gemeinde besteht darin, dass aus dem zentralen Feuer des Geistes der schlechte, der böse Geist, die Macht der Dämonen ausgetrieben wird, dass die Besessenen befreit werden von ihrer Besessenheit. Nicht, dass die vom Schlechten besessenen Menschen herausgeworfen werden, sondern, dass mit ihnen gerungen wird im Glauben daran, dass auch in ihnen der heilige Geist lebt, und dass deshalb die bösen Geister aus ihnen herausziehen müssen kraft der Tatsache der Gemeinde. Als Kampfgemeinschaft bekämpft die Gemeinde alles Abweichen von dem Wesen der Gemeinde; es gibt keine andere Brüderlichkeit, als die des letzten Kampfernstes mit-, für- und gegeneinander. Die Gemeinde ist tranzendental, sie kommt aus der anderen Welt und dringt in die Immanenz (Diesseitigkeit) unseres Lebens jeden Augenblick hinein. Und immer und überall, wo sie hineindringt, da tut sie etwas, da arbeitet sie, da formt und gestaltet sie etwas. Was sie baut, gehört der Zukunft. Denn die Gemeinde ist die Vorauswirkung der kommenden Dinge. Von der Wirklichkeit der lebendigen Gemeinde aus glauben wir an die Zukunft des kommenden Reiches. –

In der auf diese Worte folgenden Aussprache mühte man sich, über die Stellung des Bundes zur Gemeinde klar zu werden, wobei unter anderem folgendes gesagt wurde: „Viele leisten in ihren Berufen sehr Tüchtiges, aber zur Gemeinde wollen sie eigentlich gar nicht.“ „Sie haben keine Substanz zur Gemeinde.“ „In uns allen schlummert der Wunsch nach der Gemeinde“. „Wir wollen Gemeinschaft, hemmend sind nur ganz konkrete reale Dinge.“ Diese und ähnliche Aussprüche bekunden die Haltung vieler Glieder des Bundes. Eberhard Arnold sah sich dadurch zu einem erneuten Zeugnis gedrungen: „Durch das Hemmende in den Menschen müssen wir ihre letzte Wirklichkeit sehen und anerkennen. Ich glaube daran, dass die letzte Wirklichkeit in allen Menschen embryonal gegeben ist. Es gäbe keine Möglichkeit einer Wiedergeburt, wenn vor dem Durchbruch der Geburt das Embyonale nicht schon lebendig da wäre. Aber es ist nicht in Erscheinung getreten.“

In der wartenden Haltung, die der Bund der Gemeinde gegenüber einnahm,

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wurde die Notwendigkeit des Bundes von den meisten unterstrichen und bejaht, wobei das Wort fiel: "Daß die Existenzfrage des Bundes für den einzelnen brennend geworden ist, ist der Beweis, daß der Bund besteht. -- Wesentlich ist der geistige, als solcher noch unsichtbare Bund, an dessen Kristallisation wir fortgesetzt arbeiten müssen." Von anderer Seite wurde der hier bezeugte Inhalt des Bundes als der Form nicht entsprechend in Frage gestellt: "Es wird als ganz klar angenommen, daß der Inhalt des Bundes nur Religion sein kann und sein muß?" Karl Sachse kennzeichnte die Lage des Bundes in längerer Ausführung: "Die Not des Bundes ist die brennend heiße Sehnsucht. Gelänge es doch jedem einzelnen von uns und uns als Gesamtheit, Ausdruck zu finden. Ein Innendruck ist da. Wir sind gar nicht frei, frei von unserer Bürgerlichkeit im Sinne von Verzweckung. Wir sind Mechanisten gröblichster Art. Ein Bund kann nur Menschenwerk sein, aber Gemeinde ist Gotteswerk, Gemeinde ist organisch, Bund ist menschlicher Versuch des Ausdrucks, Organisation. Ein Bund kann nur gedeihen, wenn etwas Bindendes da ist, ein Programm, eine Satzung, auf die jeder verpflichtet wird. Das ist der Inbegriff aller bürgerlichen Form. Zunächst sind doch alle diese Formen nicht wegzudenken; sie entsprechen aber gar nicht unserer Sehnsucht. Da ist etwas, das erscheint uns dämonisch, Dämonen sind die berufenen Gegenspieler Gottes. Das Wesen des Freideutschen Menschen ist seine Sehnsucht, die schöpferische Mitte zu finden. Unsere tiefsten Stunden sind jene Augenblicke unserer Einsamkeit, in denen sich das innere Auge öffnet, und wir deshalb nicht fähig sind, in Gemeinschaftsversammlungen davon zu reden. Darum wäre es das Allerwichtigste, wenn wir als heimlicher Bund beieinanderbleiben, daß wir uns nicht in das helle Licht der Propaganda begeben. Wenn es eine Ehrfurcht gibt angesichts der Unendlichkeit, dann die vor der geprägten Form, die lebend sich entwickelt. Jeder ist Zeichen des lebendigen Gottes in seiner unverlierbaren Besonderheit. Wir sind so unendlich verschieden in unserer Art, daß wir in einen ganz großen Fehler verfallen würden, wenn wir jetzt die Forderung der Einheitlichkeit, der Gleichförmigkeit in unserem besonderen Tun herbeiführen wollten. Wir suchen sofort wieder die unendliche Fülle zu uniformieren. Gewiß, ein Bund kann eintreten für ein konkretes Ziel, für den Frieden, für Volkshäuser usw. Sagt denn das das Wesentliche? Davon sollten wir heute sprechen.

Auf diese drei verschiedenen Gedankenzusammenhänge antwortete Eberhard Arnold: Die vorhin gestellte Frage, ob ein Lebens-Inhalt "nur Religion" sein kann oder muß, rührt an das Wesen des Göttlichen. Hier muß klar ausgesprochen werden, daß unser Zeugnis sich in scharfen Gegensatz zu allen ,,nur religiösen" Betrachtungen und Übungen stellt, die das "Religiöse" als ein Sondergebiet neben anderen Sondergebieten des Lebens behandeln. Das nur "Religiöse", losgelöst vom Körperlichen, vom Politischen, vom Wirtschaftlichen, wohl gar vom Schönen und Guten muß als Gottlosigkeit bekämpft werden. Die wirkliche Beziehung Gottes zu seiner Schöpfung und seinen Menschen ist die Durchdringung und Gestaltung aller Dinge durch den göttlichen Geist. Der Geist tritt unter die Menschen als Gemeinde. Wenn wir uns als Bund zur Gemeinde bekennen, so bekennen wir uns damit zur einzigen Gemeinschaftswirklichkeit unter den Menschen. Die Ge-

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meinde ist Sache des Glaubens an die andere Welt. Wir bekennen uns zur anderen Welt, aus der sie stammt. Gerade deshalb ist sie keine erbauliche Angelegenheit, sondern eine praktische, eine Angelegenheit der Wirtschaftsaufgaben, der politichen und der täglichen Arbeitsfragen, der Kopf- und Handarbeit. Es ist eine Angelegenheit der sozialen Verantwortung für schlechthin alle Dinge dieser Erde; denn sonst wäre diese Gemeinde nicht eine Wirklichkeit für diese Erde, sonst wäre sie kein Leib für diesen dunklen Stern, auf den wir gesetzt sind. Was nun der Auftrag dieser Gemeinde ist, das kann man eben nur in der Richtung auf wirkliche Arbeit hin als Sendung bezeichnen und nicht paragraphenmäßig, sondern nur von der Einheit der kommenden Zukunft, von der Einheit der Gemeinde her; wenn sie wirklich lebendig geglaubt wird, wird die Arbeit als eine gemeinsame Angelegenheit des Bundes unter uns wachsen, als eine Arbeit der Sendscharen, als eine praktische Arbeit, die in die Verhältnisse der Dörfer und Städte eingreift. Die Arbeit ist gefordert, sonst ist die Gemeinde nicht da. Wir haben uns allen praktischen Notständen gegenüber als Berufene zu erweisen. Wir haben als Bund die Aufgabe, überall das Wort zu nehmen, überall zur Tat zu schreiten. Unsere Aufgabe ist deshalb so schwierig, weil wir überall einzugreifen haben, nicht weil wir nicht wüßten, was wir zu tun hätten, sondern weil wir zu vieles sehen, was wir tun müssen. Es sind tatsächlich alle wirklichen Aufgaben die unsrigen. Wie können wir aber nach allen Fronten gemeinsam kämpfen? Wie kommen wir zu Mut und Kraft, uns zur Gesamtaufgabe zu bekennen?

Ludwig Oppenheimer gab dem Gefühl mancher unter uns folgenden Ausdruck: Ich glaube, daß das Wesen und der Wert der Gemeinschaft gerade in ihrer Allseitigkeit, in ihrer Rundheit beruht, weil sie als Zentrum, als „Schöpferische Mitte" etwas besitzt, was über jedes Einzelsein und Einzelwollen erhaben ist; daß darum auch keine einzelne Grundrichtung sich vermessen darf, das Wesen dieses Ganzen nach sich selbst prägen zu wollen. In drei Grundhaltungen können wir das Unbedingte erleben und gestalten: in der handelnden, der schauenden und der wachsenden oder werdenden. Nur in einer Annäherung an die Allseitigkeit kann die schöpferische Kraft der Gemeinde erhalten bleiben. Jeder wird in einer jener Richtungen am stärksten sein, aber gerade das ist das Geheimnis, daß er in der Gemeinschaft die Ergänzung findet, die er aus sich nicht haben kann. Darum glaube ich, daß dieses Bild des Zentrums, auf das man von den verschiedenen Seiten herkommen kann und muß, das Richtige ist. Daraus folgt wieder, daß das Wesen eines solchen Bundes in erster Linie nicht eine handelnde und Werkeinheit sein kann, sondern vor allem anderen die Beziehung auf diese Einheit und das Kraftgewinnen aus der Einheit. Der einzelne soll wohl als Handelnder überall eingreifen, aber er soll nicht von dem Bund erwarten, daß er das Handeln der einzelnen zur Einheit zusammenrafft. Denn im Bunde kommt es nicht zuerst darauf an, daß er im praktischen Einzelfall klar sieht und helfend durchgreift, sondern daß er bei jedem einzelnen seiner Glieder das Denken, Schauen, Werden an der Gesamtheit, an dem Maß mißt, das eben aus der Gesamtheit kommt, und das jedem Einzelding seine Bedeutung zuteilt. Wenn eine dieser Richtungen aber ihre Abhängigkeit vorn Allgemeinen vergißt, muß sie unfruchtbar werden. So fordert der ethische Aktivis-

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mus Eberhard Arnolds Dinge, die unbedingt notwendig sind. Aber sobald diese Dinge absolutiert werden, sobald sie ihre notwendigen Ergänzungen vergessen, kommen sie auch nicht zur Fruchtbarkeit. Die Fähigkeit, der Dinge der Wirtschaft Herr zu werden, sie gedanklich, menschlich zu durchdringen, hängt eben auch entscheidend ab von der inneren Arbeit des Menschen an sich. Man muß die Dinge erst einmal rund und gleichmäßig sehen lernen, um sie bewältigen zu können. Der ethische Aktivismus als Erneuerung und radikal-revolutionäre Negierung des Bürgerlichen ist aber unfähig, diese Vorbedingungen zu schaffen. Denn auch ihm fehlt das Wissen davon, daß selbst hier mit gleichen Gewichten gemessen werden, und daß verstanden werden muß, wie selbst der bürgerliche Geist ein abgefallener Engel, das Dämonische darin die Entartung eines ursprünglich Göttlichen ist. Neben der gefährlichen Gefühlsseligkeit gibt es auch eine gefährliche Geistseligkeit, eine ethische Übersteigerung, die unredlich ist; denn man darf sich nur Forderungen stellen, die man erfüllen kann. Zu diesem geistig ethischen Tatwillen muß darum hinzutreten, einmal die entspannte wirklichkeitszugewandte diesseitige Schau, und zweitens das Quellende, Werdende, Wachsende im Menschen. Auch das "Übersinnliche, "das Hereinbrechen einer anderen Welt", ist ja im Grunde etwas, was in uns wächst und wird, was zwar gewiß nicht aus uns stammt, was aber doch nicht als gewaltsamer Bruch unseres Wesens auftritt, sondern aus unseren Kräften gepflegt sein will. Nur diejenigen haben auch die geistigen und sozialen Fragen am tiefsten durchdrungen, die jene Rundheit in sich verwirklicht haben. Gerade die größten Denker, wie Goethe, andererseits der größte Sozialist Proudhon haben die Weisheit der Zeiten besessen, die zugleich das Leibliche wie das Geistige durchdrang. Was wirklich lebenspendend, steigernd und fruchtbar ist, zwingt sich auch ohne Problematik und Leidenschaft auf, verbindet und vereinigt. Ein letztes Wort hinsichtlich der praktischen Wirksamkeit; jeder soll gewiß an seiner Stelle versuchen, die neuen Ideen, das neue Wollen durchzusetzen. Gerade das verlangt aber von jedem eine überdurchschnittliche Klarheit und Kraft, und darum muß die Besinnung auf die eigene Kraft, auch das Wissen um das eigene leibliche Heil zum Wollen des Zieles hinzukommen, damit einfach die Kraft und die Lebendigkeit bewahrt bleibt. Das Bürgertum will nicht gewaltsam mehr sein, als was es ist. Darin liegt seine Kraft begründet.

Dazu bemerkte Eberhard Arnold: Es gibt eine Mitteilung von Energien, die wir nach unserer evolutionistischen, wachstümlichen Betrachtungsweise als Wunder ansprechen müssen. Wenn ausdrücklich die Forderung ausgesprochen werden muß: Wir müssen ,,einen Generalfeldzug gegen alles Böse" unternehmen, so wird damit etwas Unmögliches gefordert, da wir wenigen und schwachen Menschen niemals imstande sind, alles Böse zu überwinden. Trotzdem muß dazu aufgerufen werden. Auf keinem Gebiet darf der Kampf gegen alles Schlechte aufgeschoben werden. Diese Haltung kann nur im Glauben eingenommen werden. Der Glaube faßt die übernatürliche Macht, die sich als solche der Natur gegenüber als überkräftig erweist. Der Glaube ist überall Glaube an das Wunder. Das Bürgertum wird von hier aus als das radikal Böse angegriffen, als das radikal Böse, weil, und soweit es das Ungläubige, das Unwahre, das Unechte, das Ver-Ichte und Mechanisierte ist,

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weil, und soweit es nicht mehr wachstümlich und lebendig ist, weil, und soweit es sich rein privat an sich selbst heftet, anstatt an den großen Gegenstand des Glaubens. Das Ichtum, die Zertrennung, die Vereinzelung, das Privatisieren: das ist das radikal Böse. Damit werden in keiner Weise die sogenannten „Bürger" als Menschen bekämpft. Sie sind ja nicht nur "Bürger“, sie sind ja auch Menschen. In allen Menschen, aber auch in denen, die sich nicht für "bürgerlich" halten, steckt dieses verfluchte radikal Böse. In allen Menschen wirkt aber auch die Kraft der Befreiung als der Glaube an das Unmögliche. Wenn dieser Kampf aus dem Glauben geführt wird, gibt es in ihm keine unredliche Übersteigerung der Übertreibung. Unredlichkeit kann nur da einsetzen, wo der Glaube nicht wirksam ist. Der Glaube ist immer als die tiefste Redlichkeit lebendig, wie Nietzsche gesagt hat: Wir haben unsere wissenschaftliche Redlichkeit von der Gewissensredlichkeit der Christen gelernt.

Ludwig Oppenheimer erwiderte darauf: Es liegt mir ganz fern, diesen Glauben an die unendliche Möglichkeit und Aufgabe anzugreifen. Ich spreche überhaupt nur von dem Wollen dieser unendlichen Aufgabe und von den rechten Mitteln dafür. Es ist nicht ganz richtig, das Wunder nur im Geistigen und im Glauben zu sehen. Ich weiß wohl, daß für diejenigen, die vom Geist sprechen, in diesem Worte etwas mitschwingt, das mehr als geistig ist. Es spricht das Göttliche aber nicht nur durch das Geistige, sondern auch durch das Leibliche, durch die Gesamtheit der quellenden Kräfte, und wo das Wunder ist, ist immer ein Gleichgewicht da eines unmittelbar Quellenden und eines klar Sehenden.

Zur Bundesfrage äußerte sich vom Hamburger Kreis zunächst Alwin Zels: Es wurde zur Aktivität aufgerufen, wann und wo es nur immer geboten ist. Mir will bei solchen Worten das Sprechen verschlagen. Wenn der Bund vor die Entscheidung gestellt ist, als Bund und dann natürlich auch in der Gestalt eines jeden einzelnen der Mitglieder aktiv zu werden, dann ist es, glaube ich, nötig, jetzt im Augenblick eine Scheidung der Geister herbeizuführen und jeden vor die Gewissensfrage zu stellen: Kannst du überall dort, wo du siehst, daß es nötig wäre, aus Passivität und Schwäche heraustretten und Zeugnis ablegen von dem anderen, von dem, was du erkannt hast? Mir will das sehr wichtig erscheinen. Es wurde gewarnt vor Übersteigerung der Forderung. Ich sehe diese Forderung ungeheuer schwer: Ich sage das, um denen, die in dieser Lage sind, zu helfen; denn sonst bleiben wir leicht beim Wort. Ich sehe voraus, daß der Bund nicht wachsen, an Zahl nicht vorankommen wird. Wenn wir alle redlich und aufrichtig sind, werden viele sich trennen müssen; doch das berührt nicht Berechtigung und Sinn des Bundes. Es ist so Ungeheuerliches an Anforderungen für die Zukunft gestellt worden, daß ich im Innersten das Gefühl habe, eine große Mehrzahl unserer Freunde wird an dieser Forderung scheitern. Die Forderung der Aktivität kommt, fürchte ich, fast zu früh. Wer diesen Weg gehen will, muß einen gehörigen Schritt vorwärts machen, darum muß sich jeder gründlich fragen: Bist dn bereit dafür? Kannst du das tun? Alle, die heute ja sagen zu dem, was gestern und heute gewollt ist, ja, ich glaube, wir alle werden noch einmal ganz tief in uns hineinsteigen müssen, um unser Gewissen zu fragen: sind wir zu dem, was wir wollen, wirklich fähig? Sonst könnte das, was wir tun,

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uns nur noch gewissermaßen eine Gnadenfrist bringen. Ich möchte daher aufrufen, entweder zur Bescheidenheit oder aber zu einem ganz starken Willen, dem auch wirklich zu folgen, zu dem man heute ja sagt. Sonst dürften wir im nächsten Jahr wieder vor einer solchen Krisis stehen, wie in diesem, und dann hätten wir uns zu schämen. - Alfred Schär: Mir scheint, daß dies das Geheimnis des Bundes, wie wir ihn jetzt fühlen, ist, daß wir alle unter einer Sehnsucht stehen, daß wir alle "im heiligen Warten zu Hause sind". Daß die es zu-Hause-sein im heiligen Warten verschieden stark ist, ist auch sicher; aber daß in jedem eine ganz starke Verantwortung liegt, braucht nicht wiederholt zu werden. Diese Verantwortung jedes einzelnen muß sich auswirken an der Aufgabe, die jeder sich gestellt hat. Aber daneben müssen wir berücksichtigen, daß diese Sehnsucht, unter der wir leben, nach irgendeinem gemeinsamen Werk strebt, einem gemeinsamen Ausdruck. Da scheint es mir nun, als ob wir aus dem Kreis der Freunde heraus noch nicht die Kraft haben, um etwas Gemeinsames neben unserer täglichen persönlichen Aufgabe zu schaffen. Aber ich glaube, wir können etwas, was aus unserem Geist, aus unserer Sehnsucht heraus geschaffen ist, ganz bescheiden unterstützen. Diese Hilfe, wenn wir sie geben, wird wieder in uns ganz stark zurückstrahlen und in uns Kräfte lösen in dem Sinn, daß wir immer fähiger werden, auch dafür einzutreten und Zeugnis abzulegen. Die einzige Stelle, wo wir gemeinsam so helfen können, ist meiner Meinung nach Sannerz. Der Werkbund als solcher hat noch nicht die Kraft, ein Werk aus sich heraus zu schaffen. Wenn ich sage, daß Sannerz dieses Werk ist, dem wir helfen können, so sage ich es trotz der ganz starken Mängel, der ganz starken Schwächen, die ich in dem Äußeren von Sannerz erkannt habe. Aber in Sannerz wird aus unserem Geist heraus gearbeitet.

Der Vorschlag, sich für die praktische Arbeit des Hauses Sannerz, der Verlags- und Kinderarbeit insbesondere einzusetzen, wurde an diesem zweiten Tage des Treffens wiederholt unterstützt. Es handelte sich an diesem Tage weiter darum, zu einem Ausdruck der gemeinsamen Glaubenshaltung zu kommen. Widerspruch erhob sich bei der Frage des Klassenkampfes und der Gewaltlosigkeit. Der Unsicherheit in der Entscheidung für die Wehrlosigkeit wurde besonders Ausdruck verliehen: "Über mich entscheidet nur die ewige Macht, und sie läßt mich in dieser Unsicherheit; so ist dieses eine Angelegenheit, die jeder in seinem stillen Kämmerchen ausmachen wird.'' Eqerhard Arnold sah sich herausgefordert, des längeren über die Gewaltlosigkeit zu sprechen, sie auf ihren Urgrund zurückzuführen und so diese spezielle Angelegenheit in den großen Zusammenhang der Jesus-Nachfolge hineinzustellen. Von allen anderen Pazifismen abgesehen, ist selbst der Pazifismus Gandhis, den ich besonders hoch einschätze, etwas ganz anderes, als was uns letztlich am Herzen liegen muß. Es muß an einem ganz anderen Punkte eingesetzt werden, nämlich bei der Frage, worin unsere eigentliche Sendung in dieses Leben besteht, was unser letzter Auftrag für unseren Weg zu den Menschen ist. Zur Todesfahrt zur Hölle der Menschen und zur Auferstehung aus ihr führt allein der Glaube, daß es auch aus der Hölle eine Befreiung und Lichtfahrt gibt. Diese Erfüllung ist die Sendung der Gemeinde. Kann es irgendeinen anderen Lebensauftrag geben, der über diese Sendung hinausgeht? Für wen es eine höhere Sendung gibt, der soll redlich

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so handeln, wie ihn jener entgegengesetzte Auftrag treibt. Ich habe nur das eine Bekenntnis abzulegen: diese Sendung in die Welt hat mir Jesus auferlegt, mein Führer und Meister, der meinen Glauben angefangen hat und vollenden wird. Diese Sendung hat er selbst in seinem Leben verwirklicht als aktive Wehrlosigkeit, als umfassende Liebe bis in den Tod am Verbrechergalgen als unverlierbaren und unzerstörbaren Charakter seines Wesens. Dieser Sendung gegenüber ist es unmöglich, eine Situation auszudenken, in der die Naturgegebenheit der Verhältnisse zu einer anderen Haltung zwingen könnte, als Jesus nachzufolgen bis an denselben Verbrechergalgen, an dem er seine Sendung letztlich erwies. Dieser Weg ist der Weg der letzten Gläubigkeit an das Opfer. Es ist der Glaube an die Kraft, die Auferstehung aus dem Tode bedeutet. Es ist der Weg der Überzeugung, dass das Wunder seine letzte Erfüllung in der Tatsache der Auferstehung findet. Die Tötung der Zeugen der Wahrheit ist eine Aussaat der Auferstehungskraft. An der Auferstehung erweist es sich, daß die Wahrheit nicht getötet werden kann, daß sie niemals letztlich unterliegen kann. Das ist die äußerste Para.doxie des Kreuzes, daß gerade im äußersten Unterliegen der Wahrheit ihr letzter Sieg verborgen ist.

Mit diesem Bekenntnis stehe ich nicht auf dem Standpunkt unserer Christfreideutsehen Freunde, daß wir an das Freideutschtum die Forderung stellen sollten, geschlossen den Weg Jesu zu betreten; ich bin vielmehr überzeugt, daß dieser Weg Jesu, der viel verhängnisvoller ist, als man es sagen kann, mitten im Freideutschtum vertreten werden muß. Das gehört zu der Sache dieses Geistesaufbruchs, den wir gewohnt ind, Freideutschtum zu nennen, und ich bekenne mich nach wie vor zu dem Heftchen: Die Religiosität der heutigen Jugend, weil ich an diese religiöse Erziehungskraft der Gesamtbewegung glaube. In diesem alles umfassenden Sinne der Bewegung und des Logos Christus bin ich überzeugt, daß die Tatsache des Weges Jesu inmitten der Bewegung mit Kraft vertreten werden muß. Ich bin aber auf der andern Seite überzeugt, daß es heute in unserer Mitte Menschen gibt, die nach ihrer Lebensführung nicht auf diesen Weg gestellt sind. Und diese Menschen sind unsere Brüder und Schwestern von demselben Geist der Sehnsucht nach dem Zusamenhang der ganzen Natur und Menschheit und von demselben Glauben an die hinter der Menschheit liegenden Kräfte ergriffen. Sie sehen nicht, daß Jesus der bestimmende Führer für den praktischen Weg ist, der uns zu den Menschen führt. Mich hindert nichts, mit diesen als meinen Brüdern und Schwestern zusammenzustehen im gemeinsamen Kampf, in völliger Solidarität, ohne im geringsten daran zu denken, ihnen mein Bekenntnis irgendwie aufdrängen zu wollen. Aber ich habe immer die Freiheit unter euch gefunden, mich zu dem Führer und Vollender zu bekennen, an den ich aus letzter Wirklichkeit heraus glaube. Und ich erwarte umgekehrt von den anderen, die sich zu anderen Führern und Meistern bekennen möchten, daß sie das mit derselben Deutlichkeit und Bestimmtheit tun.

Hinter der Schwierigkeit des gestrigen Tages lag die praktische Frage: christfreideutsch. Ich halte zu Christus und zu niemand anders. Aber ich kann gerade deshalb keinen Bindestrich zwischen Christ und irgend etwas anderem mir denken. Wir Sannerzer nennen uns für unser Leben voller Freudigkeit freideutsch, da wir überzeugt sind, daß es zu unserer Lebensaufgabe gehört,

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uns zum Freideutschtum und seiner geschichtlichen Bestimmung zu bekennen. –

Einer der Jüngeren fühlte sich hier gedrungen, ein Bekenntnis zum Bunde abzulegen: Der Bund hat schon manchen den Weg erleichtert, die in ihrer Einsamkeit zum neuen Leben hindurchfinden wollten. Gewiß muß das Wesentliche im Kampf von den einzelnen geleistet werden, aber wir kommen zum Teil noch richtig aus einem Leichenhaus, aus einem Berg von Kadavern, der über uns geschichtet wurde. Tausende kämpfen diesen einsamen Kampf, denen dürft ihr nicht zu schnell davonlaufen. Man kann nicht das Letzte in den Himmel hängen, sondern muß von der Erde aus aufbauen. Es gilt nicht bloß, das Böse zu strafen, sondern auch das Gute zu wecken. Ihr miißt Geduld haben, dem alles schaffenden Weltgeist, dem tausend Jahre wie ein Tag sind, sind drei Jahre sehr wenig. Als ich zu euch kam, da handelte es sich für mich darum: entweder fange ich ein neues Leben an oder ich gehe unter.

Eberhard Arnold: Ich habe versucht, das Geheimnis des Bundes in der Tatsache der letzten Einheit zu zeigen, die soweit wirklich ist, soweit aus der anderen Welt die Gemeinde zu uns kommt und bei uns Gestaltung wird, indem sie Verantwortung, Kampfbereitschaft und Kampfeinheit hervorbringt. Aber für diesen Glaubenskampf kann ich niemals von den Niederungen der Erde ausgehen. Ich kann immer nur vom Letzten ausgehen, das das Höchste ist. Aber von der Höhe aus muß ich die Niederungen der Erde suchen. Ich denke an Zarathustra, der aus seiner Höhle nicht wie zufällig zum häßlichsten Menschen ging. Er konnte nicht anders handeln. Er mußte es tun. Oder denken wir an jenen anderen, der in der Wüste oder auf dem Wasser oder auf den Bergen immer in der tiefsten Einsamkeit der Natur in letzter Kraft stark wurde, um zu den Menschen zu gehen, um alle Menschen zu suchen, mit ihrer Not zu leben, ihre Krankheiten zu heilen und ihr Böses in ihnen zu überwinden, weil er an das Gute für sie glaubte. An wen unter den Großen und Bestimmenden wir auch denken, wir werden immer bei den Führern der Menschen finden, daß sie vom Letzten, von den Einsamkeiten der höchsten Berge ausgehend, in alle Niederungen der Welt hineingreifen. So schreiten sie in den Kampf gegen alles Schlechte, Böse und Minderwertige. Sie tun es im Glauben an das Gute, das Starke und Hochwertige. Diese führenden Geister zeigen es uns, wie Gemeinschaft möglich ist. So wie wir zu euch stehen in Treue an eurem Platz, so müßt ihr zu uns stehen in Treue an unserem Platz. Und ebenso müssen wir Männer zu den Frauen stehen, für ihren fraulichen Kampf, wie die Frauen zu den Männern stehen müssen für ihren männlichen Kampf. Das ist die Treue des Einstehens für die Lebens- und Arbeitsaufgabe der Bundesglieder, sobald diese Treue dem innersten Sinn des Bundes, ja mehr der Gemeinde, entspricht. Wenn unser Bund sich als bestehend erweist, dann kann er das nur in Treue, in einer unbedingten Mannestreue, in einer unbedingten Zuverlässigkeit des Zueinanderstehens. Diese unbedingte Treue und Zuverlässigkeit bedeutet, daß wir den Ruf in unserem Bruder und in unserer Schwester mit der tiefsten Ehrfurcht anerkennen, und daß wir zu dieser Sendung stehen gegen Tod und Teufel, gegen alle und gegen alles. Das bedeutet aber gleichzeitig, daß wir bei unserem Bruder und unserer Schwester eingreifen, wenn wir den Eindruck haben

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oder zu der bestimmten Überzeugung kommen, daß sie in irgend etwas gegen das Wesentliche in ihnen, gegen den Ruf, gegen die Sendung, gegen die Aufgabe verstoßen. Wir brauchen einander manchmal zur Einkehr und zur Umkehr, um uns zuzurufen: "Halt, du gehst falsch! Du verdirbst dein Bestes!" oder: "Vorwärts, du machst schlapp!" Immer und überall müssen wir einander alles sein. Immer und überall das, was den Ruf in uns, die Wahrheit in uns, die Liebe in uns, die Sache, die über uns kommt, bezeugen und gegenseitig verstärken soll. Dazu müssen wir ganz treu stehen. Wir müssen zueinander stehen, sobald die persönliche Arbeit dem Geist der Sache entspricht. Sobald die private Tätigkeit sich weiter auswirkt zu einer öffentlichen Angelegenheit, ist sie Bundessache. Wenn wir den Bund bestehen lassen, dann bedeutet das das Gelöbnis unbedingter Gefolgschaft, unbedingter Treue in allen Dingen, die im Namen und Geist der Sache betrieben werden. Und es gilt, daß wir uns in jeder Lage darauf verlassen können. Glaube ist immer Treue. Alle anderen Treueversuche sind Täuschung. Nur in diesem Sinne können wir Bund bleiben und Bund werden.

Das Ergebnis der Tagung wurde in folgenden Sätzen zusammengefaßt:

Auf dem Meißnertag 1913 fand sich die Jugend in dem Gelöbnis zusammen: "Die freideutsche Jugend will in eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten."

Weil wir diesem Gelöbnis treu bleiben müssen, braucht unser Leben Halt im Objektiven, Sinn im konkreten Inhalt. Deshalb müssen wir zuerst danach streben, uns in Arbeit und Dienst zu bilden und uns in Zucht zu nehmen, um zu Klarheit und Reife zu kommen. Wir hören auf die großen Künder und Gestalter der ewigen Mächte. Von dem ihnen gegebenen Geist erfüllt, müssen wir mit unbeirrbarer Sachlichkeit die Forderungen des Tages ernstnehmen. Auf diesem Wege wollen wir allen Bruder sein, indem wir in Achtung und Ehrfurcht dem Keim des lebendigen Guten in jeden Menschen vertrauen und das lebenswidrige Schlechte in ihm und uns bekämpfen.

Wir glauben an die letzte Wirklichkeit der lebendigen Gemeinde. Von ihr aus erwarten wir das kommende Reich. Diese glaubende Erwartung führt uns schrittweise zur Bündung und Arbeit. Denn unser Leben und Werk wird durch das Bild des Reiches bestimmt und durch die Kraft der Gemeinde getragen. Deshalb muß unsere Arbeit mehr und mehr gemeinsame Sache des Bundes werden, so daß wir in alle Verhältnisse tatkräftig kämpfend und bezeugend eingreifen. Es gilt, angesichts der ewigen, unter uns unvollendeten Wahrheit zu leben und überall den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit zu wecken und zu stärken.

Unser Schicksal ist eins mit dem der Unterdrückten und Benachteiligten, die unter der heutigen Lebensordnung leiden. Wir stehen in der Todesnot des arbeitenden Volkes zu seinem Kampf, der dem Zerfall der gegenwärtigen Welt entspricht. Wir wollen uns der letzten Not nicht entziehen, gerade weil sie für die jetzigen untermenschliehen und widermenschlichen Zustände Untergang und Ende bedeutet. Unsere eigene Unzulänglichkeit zeigt uns täglich unsere Schuld, die wir an dieser Not haben.

Aber gegen die lebensfeindlichen Gewalten der Zerstörung setzen wir das Zeugnis des neuen Lebens, das Zeugnis des Friedens, der nicht von dieser Welt, aber für diese Welt ist: Wir glauben an den Sieg der schöpferischen Liebesmächte.