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Die religiöse Not der Stunde und die Jugendbewegung

EA 23/06

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Author Eberhard Arnold
Date January 01, 1923
Document Id 20125987_05_S
Available Transcriptions German

Die religiöse Not der Stunde und die Jugendbewegung.

[Arnold, Eberhard and Emmy papers - P.M.S.]

EA 23/6

Die religiöse Not der Stunde und die Jugendbewegung.

Die diesjährigen Tagungen der deutschen Jugendbewegung, und was aus ihnen folgt, zeigen auch nach außen hin, daß die Jugendbewegung in allen ihren Teilen lebt und in ihrer Zerrissenheit dennoch immer ein großes Ganzes bleibt: Ein Schauplatz, auf dem die letzten Mächte um Entscheidung ringen. Es scheint so einfach und klar zu sein, wenn man von christlicher und idealistischer Jugend, von völkischer und internationaler, von freideutscher und jungdeutscher Jugend redet;- und ganz gewiß haben diese Gegensätze auch heute noch einen Sinn. Aber das eigentliche Problem der Einheit und Zerrissenheit der Jugendbewegung erfassen sie nicht. Sie erkennen die Lage und sind infolgedessen der Aufgabe nicht gewachsen. Die Spannung dieser Gegensätze geht vielmehr als Not aller durch alle Kreise und durch jeden einzelnen hindurch. Die Aufgabe geht auf Solidarität und Identität in dieser Not und in dieser Forderung der Arbeit, die in jenen Namen liegt. Der Wahrheit näher kommt die Abstufung von Gradunterschieden verschiedener Phasen der Bewegung. Phasen, die heute schon historisch sind und sich doch im einzelnen wiederholen müssen. Schwelgen im Unbewußten, "Romantik und Rückkehr zur Natur bezeichnet man gern als erste Epoche, das Bewußtwerden in Ideologie, in abstrakter Problematik und in der Ausmalung unerreichbarer Ziele zur Natur bezeichnet man gern als erste Epoche, das Bewußtwerden in Ideologie, in abstrakter Problematik und in der Ausmalung unerreichbarer Ziele als die zweite Stufe der Entwicklung. Das Drängen zur Tat und zu der Verantwortung, zur wirklichen zähen Arbeit auch in der Welt der täglichen kleinen Pflichten, mit der darausfolgenden Anerkennung auch der Leistungen und Lebensgüter der Alten, erscheint dann als die letzte und dritte Periode - der sicherlich weitere folgen müssen. Aber so richtig diese Beobachtung ist, so bleibt sie doch an der äußeren Erscheinung haften und verkennt die Tiefe der eigentlichen Vorgänge.

In Wahrheit stellt die gesamte Bewegung ein religiöses Ringen und Suchen dar, in dem zuerst die unbestimmte Ahnung tiefster göttlicher Kräfte auftaucht, in dem dann die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Wirklichkeit und Klärung in diesen Kräften lebendig wird, bis schließlich hier und da in dem Chaos dieser miteinander ringenden Gewalten die Unmittelbarkeit der entscheidenden Begegnung sich ereignet, die allein die Kraft zur Arbeit im einzelnen und im gemeinsamen Leben geben kann. Die Stimme der Wahrheit wird gehört; sie wird Wirklichkeit. Der Ruf Gottes wird vernommen: der bedeutet Sendung. Die unbedingte Gültigkeit des Wortes tritt in Kraft, und Kraft bedeutet Tat. Das heilige Müssen des innersten Dranges findet in dem heiligen Sollen, in dem Tun des Willens Gottes den Weg. Das entscheidende Geschenk wird nur denen, denen auf diesem Wege das reine Licht, der eine einzige Führer, sein Auge selbst aufleuchtet.

Innere Freiheit war es, die das freideutsche Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit, zur eigenen Verantwortung zur Eigenbestimmung der Lebensgestaltung hervorgebracht hat. Hier stehen wir am Wege des Heidenchristen, der nicht in festgefahrenen, tiefeingeschnittenen Wagenfurchen, nicht im Gesetz überlieferter Gebote und Verbote verläuft, sondern nach Pfadfinderweise abseits der großen Straße nur die Richtung kennt, nur das magnetische Gewissen fühlt, das überall in den Völkern lebt. Am frei wirkenden Gewissen muß sich die Macht der Wahrheit als die letzte alleinige Wirklichkeit erweisen. Es gibt keinen Entschluß zur Wahrhaftigkeit, an dem nicht Gott selbst Interesse hätte. Wer aus der Wahrheit ist, wird die Stunde erleben, in der er die Stimme hört, die die Wahrheit ist.

So mußte es denn immer deutlicher zutage treten, was dem Schauenden schon von Beginn an klar war: die so formal klingende Meißner-Formel war nur eine

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durchsichtige Umhüllung für den gewaltigen Gewissensinhalt der Hoffnung auf die Wahrheit der Zukunftserwartung der Liebe. Anzeichen für diese Sachlage traten von Anfang hervor. Kindliche Liebe, das Kinderland der Reinheit und das Vertrauen auf bindende Führerschaft waren solche Kennzeichen. Die jungen Menschen, die 1913 auf den Meißner gezogen waren, kannten und suchten Führer. Sie waren in Ehrfurcht gebündet und gebändigt. Ihr eigentliches Erlebnis war eine unbeschmutzte religiöse Ahnung der göttlichen Kraft, die sie hinter dem Wirken der Natur wahrnahmen. Es war der Glaube an das Wesen dieser Kraft als Liebe, als Gemeinschaftswille, als an den einen, einzigen schöpferischen Geist, der das Reich der Gerechtigkeit, das Reich der Einheit, das Reich des Friedens baut. In den Jahren von 1913 bis 1923 ist es immer deutlicher geworden, daß der reine Liebeswille als Gemeinschaftswille, als schenkender Wille im Gegensatz zum begehrlichen Willen, zum Besitzwillen, zum lüsternen Willen der eigentliche Gegenstand der Verehrung der Jugend ist. Dieser Glaube äußert sich zunächst in der Freude am eigenen Bund, immer wachsend in dem Vertrauen auf die werdende Gemeinschaft, dann in der vaterländischen Hoffnung auf ein Zusammenwachsen der Volkheit, und schließlich in der immer bestimmteren Erwartung, daß die so zerrissenen und feindlichen Völker Menschheitsgemeinschaft werden müssen. Letztlich geht es nur um das eine: um den Glauben an die werdende Gemeinde, an das kommende Reich.

Hier wie überall in der Jugendbewegung ist es für den Außenstehenden kaum möglich, in dem begeisterten Eintreten für das Vorläufige das Bekenntnis zu dem Eigentlichen und Endgültigen, in dem hitzigen Übereifer für das Vorletzte den Glauben an das Letzte wahrzunehmen. Aber eins muß doch jeder merken, der überhaupt das Herz seines Mitmenschen schlagen fühlt: in der gesamten Bewegung, auch wo sie sich noch so übermenschlich und außerchristlich gebärdet, tritt der Glaube an die göttlichen Kräfte als Ehrfurcht vor dem, wo alles Machen aufhört, als letzte Abhängigkeit von dem, was uns nur geschenkt werden kann, hervor. Von hier aus wird die bündische Jugend wieder und wieder Führer suchen, denen sie nicht gehorchen, aber vertrauen, denen sie sich nicht unterwerfen aber angliedern will. Sie ist sich bewußt geworden, daß es priesterliche Menschen gibt. In einem Bericht über eine der letzten entscheidenden Tagungen sehen wir einen von ihnen in einsamer Nachtstunde den Ewigen für alle Schwächen der Führung des Volkes Rechnung geben und Sühne suchen. Letztlich weisen die Unterführer alle auf die höchste einzige Führung hin, die es für Menschen gibt, auf die Führung dessen, den wir nicht sehen.[footnoteRef:1] Oder sie wäre nichts. Man kann heute in aller Verwirrung der Jugendbewegung, bei allen den auf-reibenden Kämpfen, die innerhalb der einzelnen Bünde und Jugendgemeinschaften, besonders unter den immer wieder älter - werdenden Gruppen stattfinden, keinesfalls von einem Ende, sondern nur von einem neuen Kraftimpuls dieser Bewegung reden. Ihre Kraft ist ein Geschenk der Gnade, eine Heimsuchung, die jeden Augenblick aufhören kann, die aber gerade heute wieder in höchster Spannung offenbar geworden ist. Gewiß bedeutet diese tiefste Wahrheit der Bewegung noch nicht, daß überall die Gnade in Jesus, dem kommenden Messias, erkannt wird. Weder die freideutsche Bewegung noch irgendein anderer Flügel der Jugendbewegung darf einfach als christlich bezeichnet werden, aber ebenso [1: Die immer neu erwachende Führersehnsucht muβ mit Schroffheit alle die ablehnen, die hier nicht Wegweiser sein können. Immer neu sammeln sich die Kräfte zu der entscheidenden Konzentration auf die innerste, letzte Führung, die die höchste Gnade ist. Der Glaube an den kommenden Tag ist nicht tot. – Die bitteren, Tod atmenden Enttäuschungen der letzten Jahre haben es allen deutlich gezeigt, daβ auch diese Jugend dem Sterben verfallen ist, und daβ es Gnade ist, wenn sie noch lebt. Die herben Rückschlage der eigenen Sache in den eigenen Reihen haben sicherlich eine stärkere und tiefere Wirkung ausgeübt als das groβe Wachstum nach auβen und die allgemeine Aufnahme der freideutschen Lebensformen in der breitesten deutschen Jugend. Die Wirkung bedeutet Ernst vor Gott. [footnote in original]]

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unrichtig ist es, diesen Schauplatz des Kampfes um Gott und Christus als außerchristlich oder antichristlich anzusehen. Der tiefste Kampf der Geister, der hier immer wieder erneut die einzelnen und die Scharen aufeinanderprallen läßt und im Innersten jedes einzelnen die höchste Erregung hervorruft, ist letzten Grundes Entscheidungskampf zwischen Gott und Teufel, zwischen Christus und Antichristus, zwischen der Erlösung der Gnade und der Selbsterlösung des Menschenwillens, zwischen dem Reich Gottes und dem Menschheitsreich.

Auch heute ist diese Entscheidung keineswegs hinter uns. Die Ludwigstein - Meißner=Tagung 1923, die Fichtelgebirgs-Tagung und die Hellerauer - Tagung bedeuten kein Abwenden von 1913, sondern eben in diesem Sinne eine Vertiefung in die Forderungen der Wahrhaftigkeit, der Verantwortlichkeit und der Lebensgestaltung, eine Vertiefung, die auf das Wirkliche, auf das Ganze, auf das Umfassende geht, die aus dem Subjektiven vor das Objektive hintritt, die letzthin aus dem Menschlichen heraus sich vor Gott gestellt sieht. Aber noch stehen wir vor den Toren. Noch ist das Allerheiligste nicht enthüllt. Noch ist die Offenbarung in Christus nicht erfaßt. Aber endlich steht man dem geöffneten Tempel gegenüber.

Die diesjährige Tagung auf dem Ludwigstein und Meißner war kein Meißnerfest und war in keiner Weise eine Angelegenheit der gesamten Jugendbewegung wie der Meißnertag 1913. Der chaotische Charakter und die innere Zerrissenheit der Jugendbewegung wurde in diesem Jahre von neuem deutlich. Weder die äußere Zusammenfassung zu gemeinsamer Arbeit in den Jugendringen noch die äußere Zusammenfassung zu gemeinsamer Arbeit in den Jugendringen, noch die inneren Bemühungen der verschiedensten Führer ihrer Bünde oder ihrer Bekenntnisse vermochten die Einheit der Bewegung zur Darstellung zu bringen. So wurde selbstverständlich eine neue Meißner-Formel abgelehnt. Jeder Versuch der Festlegung durch alte Führer, die den bündischen Gemeinschaftscharakter der Bewegung und ihre religiöse Erschütterung nicht in der Tiefe erfassen, wurde schroff zurückgewiesen. Ihnen als den Programmatikern auf der einen Seite, dem kommunistischen Drang zur letzten Schlacht als dem gefährlichen Abweg auf der anderen Seite, wie schließlich der Schwäche der gesamten heutigen Jugendbewegung im allgemeinen wurde immer wieder entgegengehalten, daß nur die praktische, lebendige Beziehung zu dem Unbedingten, die Gericht und Sterben bedeutet, wirklich Leben bringen kann. Dieses Leben darf niemals mit der eigenen Arbeit, dem eigenen Bund, mit der eigenen Jugendgemeinschaft, dem eigenen Programm oder gar der eigenen Politik und Strategie verwechselt werden. Die lebendige Einheit des Bedingten im Unbedingten, die Spannung zwischen unserem Sein und unserem Sollen, weist auf die Notwendigkeit der innersten Revolution, auf den persönlichsten Kampf zwischen Gut und Böse hin, der zum Glaubensgehorsam, zur Gemeinschaft der Gemeinde und zum Glauben an den umfassenden Sieg des Reiches führt. Die Jugendbewegung steht hier als eine Teilerscheinung in einem viel weiteren und größeren Zusammenhang des Kommenden. Diese Beurteilung der Dinge trat deutlich in den öffentlichen Hauptbesprechungen zutage, die besonders zwischen einem jungen Pfarrer, der mit Neuwerk arbeitet und einem aus dem Freideutschen kommenden Kommunisten der V.K.P.D. geführt wurden. Indessen wurden dieselben Kämpfe in anderen Zusammenkünften und Führerberatungen ebenso ausgekämpft. Der Glaube an die zukünftige Volks- und Menschheitsgemeinschaft bekennt sich hier zu den schöpferischen Liebeskräften, die immer von neuem hervorbrechen müssen, zu der Erschütterung von den letzten Tiefen her, ohne die alle unsere Aktivität wesenlos und wirkungslos ist. Als das allein Entscheidende wird bezeugt, angesichts der ewigen Wahrheit zu leben und den Sinn für den Geist Gottes als den Geist der Gerechtigkeit zu wecken und zu stärken. Nur wo so vom letzten Grunde aus Einheit des Handelns geschenkt wird, kann gemeinsame öffentliche Arbeit in Frage kommen, auf die uns doch alles hindrängen muß. Was heute

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unter uns Vereinzelung ist, erweist sich als Wirkung des Gerichts, das über die gegenwärtige Welt hereinbricht. Aber dieses Gericht kann durch die Gnade jeden Augenblick in wirkliche Erneuerung und Gemeinschaft, in Kraft und Wirkung umgewandelt werden.

Jeder muß deutlich erkennen, daß bis tief in die Reihen des freideutschen Bundes hinein das Bekenntnis seiner verschiedenen eigenen Gautage herrschend geworden ist. "Wir wollen das Reich der Gerechtigkeit und der dienenden Liebe. Damit ist uns freideutsche Bewegung Gemeinschaft aus den religiösen Kräften. Das bestimmt unsere Haltung." "Die religiöse Idee, die das Meißner Bekenntnis enthält, drängt gegenwärtig zur Verwirklichung für Volk und Menschheit; deshalb wird die Gemeinschaft mit der von diesem Geist ergriffenen Jugend gefordert."

Diesem Schauplatz der Erschütterung gegenüber kann unsere Frage nicht lauten: "Was lernen wir von ihr, worin erkennen wir sie an und worin lehnen wir sie ab?" Sondern die Frage muß lauten: "Warum sind wir mit dieser geschichtlichen Erscheinung identisch vor Gott? Worin sind wir mit ihr solidarisch auch vor den Menschen? Hier gilt es keinen Kompromiß, sondern einen Akt der Ehrlichkeit und Entschiedenheit, wenn immer wieder von Gott und seinem Reichswillen bedrängte, von Christus und seinem Gemeindegeist ergriffene Menschen mitten in diese Bewegung hineintreten, um mit ihr gerichtet und gerettet, mit ihr heimgesucht, von Gott erschüttert und immer neu erweckt und gerufen zu werden. Wo Kampfplatz ist, müssen auch Bekenner Christi gesandt, die als Botschafter das zukünftige Gottesreich an der Stelle des kommenden Messias - als dessen Gesandte - zu vertreten haben.

Mitten in dem Schauplatz dieser Erschütterung kann an Stelle aller unklaren Mittelstellung oder gar verbindlichen Vermittelung nur bestimmtestes zur Entscheidung rufendes Zeugnis der gegebene Dienst sein: Um Gott handelt es sich. Dadurch steht der Mensch und das Menschliche in Frage."

Um Christus geht es, um das Kreuz, um die Auferstehung, das bedeutet: Kein anderer hat den Weg, kein anderer ist der Weg.

Die Gemeinde muß bekannt werden: Gemeinschaft gibt es nur von Gott aus, nur in dem Christus, der als der Herr der Geist der Freiheit und der Einheit ist.

Das kommende Reich Gottes ist die Nachricht, auf die alles wartet: die Zukunft der Menschheitsgemeinschaft, die nicht von Menschen, sondern von Gott kommt; das Reich ist Gottessache, als Liebe, als Gerechtigkeit und Friedenseinheit.

Das Wort der Apostel und Propheten muß neu und lebendig bezeugt werden: die prophetische und urchristliche Weissagung, Verkündigung und Kraftmitteilung ist das Geschenk, ohne das unsere Arbeit leer ist.

Eine solche Verkündigung mit einem derartigen Anspruch: Verkündigung Gottes zu sein! wird nur in dem Maße Frucht bringen, als sie echt und ursprünglich ist, als sie von immer neuen Wellen der Kraft überwältigt, immer neuen Ausdruck für die ewige Wahrheit findet, als sie Beweis des Geistes und der Kraft ist. Überall gibt es heute in den verschiedensten Jugendgruppen, unter den Völkischen und Internationalen, unter den Freideutschen und Jugenddeutschen, in der kommunistischen Jugend und unter den Jungsozialisten, oder wo man nur hinkommt, vereinzelte Zeugen Christi; aber solange wir selbst so wenig in Kraft leben, solange wir alle in der Eigengestaltung unseres eigenen Lebens so wenig das beweisen, was wir sagen, solange wird unser Zeugnis eine nur sehr geringe Bedeutung haben. Das unmittelbare Eingreifen Gottes, das wirkliche Geschehen Gottes in der Bewegung selbst ist von ungleich größerer Kraft, als unser Reden und Tun wie die Sonne das schwächste Notlicht überstrahlt.

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Man darf es aber nie vergessen: die gesamte Jugendbewegung will Lebensgestaltung. Sie sucht das Werk, sie will Arbeit, sie fühlt die Verantwortung für das Ganze, für seine Gestaltung und Formung. Die göttliche Gerechtigkeit erweist sich auch hier als die eigentliche Orientierung des Gewissens. Die erlösende Liebe Jesu und die rettende Aufrichtung seines kommenden Reiches wird nur soweit in Kraft bezeugt werden können, soweit die Bekenner, wenn auch im schwächsten Ausmaße, im kleinsten Kreise oder in beschränkter Lebensgemeinschaft soziale Gerechtigkeit und praktische Arbeitshingabe beweisen. Das politische und wirtschaftliche Verhalten der Träger des Gemeindezeugnisses darf hinter der Gerechtigkeitsforderungen und Liebesforderungen des Kommunismus und Pazifismus nicht zurückstehen, sondern muß sie durch die prophetische, evangelische Wahrheit des Gottesreiches und ihre praktische Anwendung wirklich und wesentlich übertreffen. In dem Mangel dieser Tatsache wird es in der Tiefe offenbar, wie fern wir alle von den Kräften des Evangeliums und des Reiches sind. Und dennoch wird die möglichste Befreiung von Besitz und Vorrecht, und die Verwerfung der Leib und Leben schädigenden Gewalt, die Wehrlosigkeit und die Waffenverweigerung, die heute von der freideutschen Bewegung von vielen Seiten bekannt wird, unter uns Christusbekennern immer wieder ihre Vertreter haben, wie auch auf allen anderen Gebieten die Jesusnachfolge nach freiester Gewissenstreue in sympatischer Gestalt gewagt werden muß. Das Entscheidende bei dem allen ist immer dies eine, daß die immer tiefer gehende persönliche Erschütterung durch Sünde und Gnade, durch Gerechtigkeit und Erlösung alles, auch die Kollektivschuld des sozialen Elends, das gesamte Gericht über unser Volk und über die Menschheit, die Fürbitte um geschichtliche Gnade, um das Kommen Gottes umfaßt.

Wer in der Jugendbewegung zu Hause ist, weiß, daß hier der radikal=soziale Charakter des kommenden Gottesreiches, das religiös= soziale Moment, wie viele es so unverständlich nennen, im stärksten Sinne entscheidend ist. Die wach gewordene Jugend steht immer wieder auf der Seite der Unterdrückten und Benachteiligten, der von den Lebensgütern geistiger und materieller Art verhinderten Menschen und Menschengruppen, und deshalb zugleich auf der Seite der Schlichten, der Einfachen, der Echteren und Menschlicheren unter den Menschen. Immer wieder werden sich Brüder in unserer D.C.S.V., die von dem Ruf Jesu getroffen sind, an die Seite solcher Bewegungen stellen, in ihre Mitte das Zeugnis tragen und mit ihnen gemeinsam in der Stunde der Not zu gegenseitiger Hilfe schreiten. Sendscharen, Werkbünde, Arbeitsgemeinschaften aller Art sollten überall in allen Nöten der Nahrung und Kleidung und Wohnung zu brüderlicher Hilfeleistung schreiten, und zwar "immer als Künder der ewigen kommenden Ordnung", wie es in unserem freideutschen Ruf heißt. Aber es darf hieraus keinesfalls herausgehört werden, daß die öffentliche Verantwortung nur karikativ, nur als barmherzige Wohltätigkeit gemeint wäre. Das würde dem Sinn der ganzen Bewegung durchaus widersprechen. Der Wille der Bewegung ist politisch im Sinne eines Verantwortungsbewußtseins, das die Umgestaltung der wirtschaftlichen öffentlichen Verhältnisse fordert. Die gesamte wach gewordene Jugend ist sich darin eins, daß in allen öffentlichen Dingen eine andere Ordnung hereinbrechen muß, daß die herrschenden, jetzt sichtbaren Kräfte des öffentlichen Treibens der Tiefe des Lebens nicht entstammen, nicht von Gott sind. "Alles muß getan werden, um den heutigen gesellschaftlichen Zustand abzuändern, der den größten Teil der Volksgenossen von einem menschenwürdigen Leben ausschließt."

Wie in allen anderen Epochen der Bewegung werden auch jetzt viele einfach zurückbleiben oder lautlos beiseite treten, weil sie der tieferen Erschütterung und Berufung nicht nachkommen. Ebenso schmerzlich wird der Verlust der anderen sein,

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die auch hier wieder die Anwendung und Entfaltung mit der Quelle der Kraft verwechseln, die dem Ruf zur öffentlichen Verantwortung und zur Treue in der Kleinarbeit dadurch nachzukommen meinen, daß sie dem Götzen der äußeren Gegebenheiten, der Sklaverei der vorhandenen Verhältnisse der Eigengesetzlichkeit der Dinge wehrlos verfallen, ohne daß sie es merken, wie sie vom Geist, von der Berufung, von der Hoffnung, vom Reiche Gottes abgefallen sind. Aber weil Gott immer sprechen und immer handeln wird - weil Gott lebt -, wird immer Bewegung sein, die Gemeinde sucht und das Reich erwartet.