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Warum wir in Gemeinschaft leben

EA 27/07

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Author Eberhard Arnold
Date June 01, 1927
Document Id 20126079_04_S
Available Transcriptions German

Warum wir in Gemeinschaft leben

[Arnold, Eberhard and Emmy papers - P.M.S.]

EA 27/7

Die Wegwarte. 3. Jahrgang. 8/9. Heft Mai/Juni 1927 [ab Seite 139]

Warum wir in Gemeinschaft leben.

Dass wir in Gemeinschaft leben, in Gemeinschaft arbeiten, und dass wir dieses gemeinsame Leben als bestimmend für alles, was wir tun und denken, durchsetzen müssen, ist uns unausweichliche Notwendigkeit. Keinerlei Absicht, Bemühung oder Anstrengung ist für diesen Weg maßgebend gewesen. Und ist vielmehr eine Gewissheit überkommen, die aus der letzten Quelle aller Notwendigkeiten stammt. Diese Kraftquelle bekennen wir in Gott. Alles Leben, das er geschaffen hat, besteht in Gemeinschaft und auf Gemeinschaft hin. Deshalb müssen wir auch in Gemeinschaft leben. Von Gott als der Lebensquelle aus wird unser gemeinsames Leben aufgebaut und stets von neuem zu tragischem Kampf und endlichem Sieg geführt. Dieser Weg des Gemeinschaftswillen Gottes, der uns mit in die Realität des Arbeitslebens und seines Existenzkampfes und aller menschlichen Charakter-Schwierigkeiten hineinführt, ist ein Weg tödlicher Gefahr und härtesten Leides. Aber gerade das ist unsere tiefste Freude, dass wir diese Tragik des Lebens, diese unerhörte Spannung zwischen Tod und Leben, diese Lage zwischen Himmel und Hölle klar sehen und dennoch an die überwältigende Kraft des Lebens, an die Überwinder-Macht der Liebe, an den Sieg der Wahrheit glauben, indem wir an Gott glauben.

Dieser Glaube ist keine Theorie und kein Dogma, kein Gedankensystem und kein Wortgefüge; er ist keine Kultusform, er ist keine Organisation, sondern dieser Glaube ist das Aufnehmen Gottes selbst, ist das überwältigt Werden durch Gott und ist so die Kraft, den Weg zu gehen, die wirkliche Möglichkeit, immer wieder zu vertrauen, wo menschlich betrachtet der Vertrauens-Aufbau zerstört ist. Dieser Glaube schenkt den Blick für das Wesentliche und unverlierbar Lebendige, das man mit Augen nicht sehen, mit Händen nicht greifen kann, obgleich es überall und immer da ist.

Er löst von der Betrachtung der Menschen nach gesellschaftlichen Gewohnheiten und nach Schwächen. Alle diese Masken der mammonistischen, unsauberen und mörderischen menschlichen Gesellschaft durchschaut er als Lüge. Aber er kann ebenso wenig nach der anderen Richtung hin getäuscht werden, als wenn die wirklich und tatsächlich hervortretende Bösartigkeit und Unzuverlässigkeit der menschlichen Charaktere das Eigentliche und Endgültige wäre. Er nimmt die Tatsache ernst, dass die Menschen nach ihrer jetzigen Natur ohne Gott gemeinschaftsunfähig sind. Die Stimmungsschwankungen des Gemüts, die begehrlichen Triebe des körperlichen und seelischen Glücksstrebens, die geistigen Machtströme der Empfindlichkeit und des Ehrgeizes, die persönlichen Strebungen nach Einfluss auf Menschen, die menschlichen Vorrechte aller Art stellen wirklicher Gemeindebildung ein menschlich unüberwindliches Hindernis entgegen. Der Glaube erliegt nicht der Täuschung, als wenn diese tatsächlichen Gegebenheiten der begehrlichen Triebe und der charakterlichen Schwächen das Entscheidende wären. Sie bedeuten vielmehr der Macht Gottes und seiner alles überwindenden Liebe gegenüber nichts. Gott ist stärker als diese Realität. Die gemeinschaftsbildende Energie seines Geistes überwindet alles. Hier wird ganz deutlich, dass das Werden wirklicher Gemeinschaft, der tatsächliche Aufbau gemeinsamen Lebens unter den Menschen ausgeschlossen ist, wenn der Glaube an die letzten Kräfte fehlt. Alle menschlichen Anstrengun-

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gen, trotz aller Widerwärtigkeiten immer wieder auf das tatsächlich vorhandene Gute in den Menschen oder auf den Zwang des Gesetzes zu vertrauen, müssen an der Realität des Bösen zerbrechen. Nur der Glaube an das letzte Geheimnis des Guten, an Gott, vermag die Gemeinschaft zu bilden, die hier allein gemeint sein kann. Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil nur in einem solchen entscheidenden Lebensversuch ganz klar werden kann, wie lebensunfähig der unerneuerte Mensch ist, und welche Leben wirkende und Gemeinschaft bildende Kraft Gott ist.

Wir können nicht ohne weiteres mit den politischen Verbänden, die mit uns für den Völkerfrieden, für die Beseitigung des Privateigentums und für die Gemeinschaft aller Güter eintreten, ihren Kampf führen, so wie er der Wesensart dieser großen Verbände entspricht. Wir fühlen uns mit ihnen hingezogen und hingedrängt zu allen notleidenden Menschen, zu denen, denen es an Wohnung und Nahrung fehlt und deren geistige Entwicklung durch Sklaven-Arbeit verkümmert ist. Wir stehen mit ihnen auf der Seite der Besitzlosen, der Entrechteten, der Erniedrigten, und doch sind und bleiben wir fern von jenem Klassenkampf, der mit lieblosen Mitteln die entgegengesetzten Gruppen zu schädigen sucht, der denen ans Leben gehen will, die dem Proletariat ans Leben gegangen sind. Wir lehnen für uns den Verteidigungskrieg des Proletariats ebenso ab wie den Verteidigungskrieg der Nation. In rein geistigem Kampf stehen wir mit allen denen zusammen, die für Freiheit und Einheit, Menschheitsfrieden und soziale Gerechtigkeit eintreten.

Dieser Sachlage gegenüber ergibt es sich, warum wir in Gemeinschaft leben müssen. Alle Revolutionen, alle Vereinsbildungen idealistischer und lebensreformerischer Art treiben uns immer von neuem zu der Einsicht, dass der Glaube an das Gute, der Wille zur Gemeinschaft, nur durch Eins lebendig sein kann, durch das klare Beispiel der Tat und durch das Wort der Wahrheit, beides, – Tat und Wort – als Eins in Gott. Wir haben nur ein Kampfmittel der Verdorbenheit der heutigen Zustände gegenüber. Diese Waffe des Geistes ist die aufbauende Arbeit der Gemeinschaft der Liebe. Wir kennen keine sentimentale Liebe, keine Liebe ohne die Arbeit. Wir kennen ebenso wenig eine Hingebung in praktischer Arbeit, die nicht jeden Tag die aus dem Geist kommende seelische Fühlung unter den Arbeitenden beweist und zum Ausdruck bringt. Die Liebe der Arbeit, die Arbeit der Liebe, ist die Sache das Geistes. Die Liebe des Geistes ist die Arbeit. Freiwillige Bündnisse arbeitender Menschen also, die nicht Eigenwilliges oder Vereinzeltes, nichts Privates mehr kennen wollen, werden so zu Wegweisern nach jener endlich letzten Einheit aller Menschen hin, die in der Liebe Gottes, in der Macht seines kommenden Reiches besteht. Der das Friedensreich aller Menschen lebende Wille, der gierlose, arbeitsbrüderliche Geist kommt von Gott. Arbeit als Geist und Geist als Arbeit ist der Grundcharakter der Friedens-Zukunft, die in Christus zu uns kommt. Arbeit als Freude an der Betätigung fürs Ganze und als Freude an der lebendigen Gegenwart aller Mitarbeiter ist die alleinige Möglichkeit, in Gemeinschaft zu leben. Eine solche Freude ist nur dort möglich, wo Menschen auch während der nüchternsten Arbeit in geweihter Beziehung zur Ewigkeit leben, wo Menschen auch alles Leibhafte und Erdhafte der Zukunft Gottes geweiht wissen.

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Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil Gott will, dass wir auf die unklare Sehnsucht der heutigen Menschheit eine klare Glaubensantwort geben.

Diese Geistesliebe des Lebens aus Glauben ist im jüdischen Prophetentum und im Urchristentum entscheidend bezeugt. Wir bekennen uns zu Christus, dem historischen Jesus, und damit zu der gesamten Nachricht, die seine Apostel vertreten haben, zu dem gemeinsamen Leben der ersten Christen. Deshalb stehen wir als Brüder zu den Bruderschaften der geistbewegten enthusiastischen Lebens-Gemeinschaften, wie sie im ersten Jahrhundert im Urchristentum, im zweiten Jahrhundert in der allgemein christlichen Gemeinde-Krisis des prophetischen sogenannten Montanismus, in den nächsten Jahrhunderten im ursprünglichen Mönchstum, dann weiter in den Revolutionsbewegungen der Gerechtigkeit und der Liebe um Arnold von Brescia, in den Waldenser-Bewegungen, in dem ursprünglichen Gemeinschafts-Wandertum des Franz von Assisi, in den böhmischen und mährischen Brüdern, in den Brüdern des gemeinsamen Lebens, in den Beghinen und Begharden, besonders in den sittenreinen Urtäufern des 15. und 16. Jahrhunderts, in ihrem Bruder-Kommunismus und in ihrer Waffendienst-Verweigerung, in ihrer bäuerlichen und bürgerlichen Arbeit auf ihren Bruderhöfen, wie sie in anderer Art bei den Quäkern, wie sie auch im 17. und 18. Jahrhundert bei den Labadisten, in der Brudergemeine Zinzendorfs und in anderen Benennungen auftreten. Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil uns derselbe Geist dazu drängt, der vom Prophetismus und vom Urchristentum her immer wieder zum Gemeinschaftsleben geführt hat.

Wir bekennen uns zu Jesus und dem Urchristentum. Dort hat man sich dem äußeren Menschen wie der inneren Not gewidmet. Jesus verhalf zum Leben. Kranke Körper wurden geheilt; Menschen wurden aus dem Grab wieder lebendig gemacht; teuflische Mächte wurden aus gequälten Leibern vertrieben; den ärmsten Menschen wurde die Nachricht der Freude gebracht. Diese Nachricht bedeutet, dass das unsichtbare Reich als Sache der Zukunft jetzt nahe ist, dass es jetzt schon durch Christus und seine Gemeinde verwirklicht, und dass endlich die Erde ganz für Gott gewonnen wird.

Es geht ums Ganze. Die Liebe Gottes kennt keine Grenze und weicht vor keiner Schranke. Deshalb macht Jesus wie vor Theologie, Moral und Staat auch nicht vor dem Eigentum Halt. Jenem reichen Jungen, den er gern hatte, sah er ins Herz: „Es fehlt dir nur das Eine: verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen und komm! Geh mit mir!“ So war es selbstverständlich für Jesus, dass in seiner Wanderschar die persönliche Besitzlosigkeit als Kommunismus der Kasse durchgeführt wurde. Nur der, dem die hässlichste Verantwortung – in der engsten Verbindung mit dem Geldgeist der heutigen Menschheit – anvertraut wurde, zerbrach an seiner Verantwortung.

Aber der Verrat und die Hinrichtung konnte keine endgültige Niederlage bedeuten. Das enthusiastische Geisteserlebnis, das der Auferstandene seine Gemeinde geschenkt hat, gab die Kraft, das Gemeinschaftsleben der Wanderschar in größere Maßstäbe zu übertragen. Die erste Gemeinde wurde Lebensgemeinschaft einiger tausend Menschen, die beieinander sein mussten, weil die Liebe sie durchglühte. In allen Fragen des Zusammenlebens mussten sich Gestaltungsformen ergeben, wie sie einer vollendeten Lebens-Einheit entsprechen. Die ersten Christen besaßen nichts persönlich. Sie hatten

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schlechthin alles gemeinsam. Wer über Besitztümer verfügte, war von dem Drang erfüllt, sie weiter zu geben. Keiner hatte etwas, das nicht ungekürzt der Gemeinschaft gehörte. Was aber die Gemeinde besaß, war dennoch für alle Menschen da. Da diese schenkende Liebe niemals exklusiv ist, war auch die offene Tür und das offene Herz der wesentliche Charakterzug dieses Kreises ergriffener Menschen. Deshalb hatten sie in ihrer stärksten Zeit Zugang zu allen Menschen. Sie gewannen die Liebe und das Vertrauen ihrer Mitmenschen, sie, die doch durch ihren Lebenskampf Todeshass und Urfeindschaft auf sich ziehen mussten. Ihr Einfluss musste so stark sein, weil sie ganz Herz und ganz Seele für alle waren.

Sie lebten im Geist. Geist ist wehender Geist. Er ist niemals starres Gerüst wie Eisen oder Stein. Er ist unsagbar empfindsamer und zarter als die spröden Gedanken-Gebäude des Verstandes oder das harte kalte Gefüge eines staatlich oder vereinsmäßig, rechtsmäßig organisierten Gesellschafts-Aufbaus. Er ist feiner beweglich, als alle Empfindungen der Seele, als alle die Kräfte des menschlichen Herzens, auf die man so oft vergeblich Dauerndes aufbauen will. Eben deshalb ist er stärker und unwiderstehlicher als alles dies, durch keine noch so unerhörte Gewalt jemals zu überwältigen; denn er ist die Tiefe. Was auf der Erde die längste Dauer hat, steht dem Reiche des Todes am nächsten, dem Reich der sogenannt anorganischen Gesteine. Je feiner die Organe des Lebens sind, umso gefährdeter sind sie. In dieser Welt des Todes muss alles Leben an seinem Ende, was man als Ende ansieht, umgebracht werden, wie Jesus umgebracht wurde. Aber noch im Untergang behauptet sich sein Leben als Liebe, als Liebe ohne Gewalt, als Liebe ohne Recht und ohne Besitz-Willen. So lebt Jesus nun umso stärker als Auferstandener und als Geist, als innere Stimme und als inneres Auge, als Leben der Liebe, die zur Gemeinschaft führt.

Auch die Urgemeinde hat nur wie ein einmaliges kurzes Aufleuchten den Weg der Menschheit erhellt. Aber als sie auseinander getrieben und in vielen Vertretern ermordet war, blieb doch ihr Geist und ihr Lebens-Zeugnis für immer lebendig. In der Geschichte ist es als ein Geschenk von Gott immer wieder zu ähnlichen Gebilden desselben lebendigen Geistes gekommen. Die Zeugen wurden umgebracht – die Väter starben; dem Geist werden neue Kinder geboren. Gemeinschaften vergehen. Die sie schaffende Gemeinde bleibt.

Ähnliches künstlich oder mit Anstrengung selbst herbeibringen oder gestalten zu wollen, kann nur zu hässlicher, lebloser Karikatur führen. Dem Lebendigen gegenüber kann es nur eine Haltung geben. Das offen Werden für den Geist, dass er im Offenen, Leeren dasselbe Leben wirken kann, wie in den ersten Christen. Dieser Geist ist die Freude an dem Lebendigen, die Freude an Gott als dem alleinigen wirklichen Leben, und durch ihn die Freude an den Menschen, an allen Menschen, die von Gott Leben haben. Dieser Geist treibt als Drang zu den Menschen, zu allen Menschen, dass es Freude wird, für einander zu leben und für einander zu arbeiten. Er ist liebend und schöpferisch.

Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil uns der Geist der Freude und Liebe zu den Menschen treibt, dass wir sie immer bei uns haben wollen.

Gemeinschaft des Lebens kann nur in diesem alles umfassenden Geist bestehen, in seiner vertieften Geistigkeit, in seiner verstärkten Intensität der Lebensfähigkeit, in seiner stärksten Erregung unerhörter Spannungen, in sei-

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ner Hingabe an das gewaltigste Erleben, dem man sich niemals von sich aus gewachsen fühlen kann. In Wahrheit ist sich der Geist nur selbst gewachsen. Die Belebung der Kräfte, die er bewirkt, geschieht durch die höchste Erhitzung des innersten Kerns, des Geistes der Gemeinschaft, bis zur Weißglut. In diesem Kern, im Geist selbst muss es lodern und brennen bis zur Opferung, dass so Wärme und Licht bis in die äußersten Umkreise strahlen muss.

Feuer-Martyrium ist das Wesen des Gemeinschafts-Lebens: die tägliche Opferung aller Kräfte und aller Rechte, aller sonst so selbstverständlich berechtigten Forderungen, die man an das Leben zu stellen pflegt. Im Symbol des Feuers verbrennen die einzelnen Holzscheite, dass durch die Gemeinsamkeit der Flamme die Glut immer neu ins Land gesandt wird.

Das gesamte Leben in allen Lebens-Gestaltungen der Natur wird zum Gleichnis dessen, was die Ursache der immer neuen Gemeinschaft des Reiches ist. Wie die Luft uns umgibt, wie wir im Freien in den wehenden Wind eingetaucht sind, so brauchen wir das Untergetaucht- Sein in den wehenden Geist, der alles vereinigt und erneuert. Wie das Wasser uns täglich abwäscht und reinigt, so bezeugen wir in dem gesteigerten Symbol des Tauchbades die Reinigung von allem Tödlichen: das einmalige Begräbnis im Wasser als Bruch mit allem Bestehenden, als Schwur der Todfeindschaft gegen unser schlechtes Leben in uns und um uns her. Und wie das einmalige Herausheben aus dem Wasser in gesteigerter Bildhaftigkeit und unvergesslicher Bestimmtheit die Auferstehung verkündet, so erleben wir immer und überall in der Natur, in der Garten- und Feldarbeit das Verwelken des Herbstes und Winters und das Aufblühen und Fruchttragen des Frühlings und Sommers, zu immer erneuter lebendiger Einheit.

Und wie wir das Trivialste der menschlichen Bedürfnisse, das tägliche Essen, zu einem geweihten Fest der Gemeinschaft gestalten müssen, vor dem wir Ehrfurcht haben, so gibt es eine letzte Steigerung und Sammlung dieses Gemeinschafts-Ausdrucks in dem Symbol der Tischgemeinschaft: das Mahl des Weines und des Brotes, das Zeugnis der Aufnahme des Christus in uns, das Zeugnis seiner Todes-Katastrophe und seiner Wiederkunft, das Zeugnis seiner Gemeinde als der Einheit des Lebens.

Und wie jeder Tag des gemeinsamen Schaffens in der Arbeits-Gemeinschaft Gleichnis der Aussaat des Lebens und der Ernte-Arbeit, des Ursprungs und der letzten Entscheidungszeit der Menschheit ist, so ist die beseelte Körperlichkeit jedes einzelnen Menschen ein Gleichnis für die Wohnung des Geistes in seiner Schöpfung. Der Leib des Menschen soll als unberührbar reines Gefäß für das Kommen Gottes bewahrt werden.

Eine einzigartige Zuspitzung des Symbols des dem Geist geweihten Körpers ist die Einheit der Ehe zwischen Zweien, die Treue zwischen einem Mann und einer Frau, die Familie als entscheidendes Gleichnis für jene höchste Einheit des einen Geistes mit der einen Menschheit, für die Einheit des einen Christus mit der einen Gemeinde. Die Selbstüberwindung der Keuschheit, die abgehärtete Askese des Geschlechtsleben wird in dem Weihe-Symbol der Ehe zur befreienden Freude an dem Leben der Schöpfung.

Wie im Leib nur durch die Opferung immer erneuter Zellen die Gemeinschaft des Leibes aufrecht erhalten wird, so kann auch in dem Organismus der werdenden Gemeinschaft nur durch das heroische, das heldische Opfer Lebens-

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gemeinschaft erstehen. Ein Bund der freiwilligen Hingabe, ein Bund des Opfers also ist die Erziehungs-Gemeinschaft als Güter-Gemeinschaft und Arbeits-Gemeinschaft, die um die Gemeinde kämpft. Gerechtigkeit besteht hier nicht darin, dass berechtigte Forderungen der Menschenrechte gestellt und befriedigt werden sollen; Gerechtigkeit besteht hier vielmehr in dem Umgekehrten, dass jedem Gelegenheit geben ist, sich für die Menschwerdung Gottes, für das gewaltige Hereinbrechen des Reiches dem Äußersten auszusetzen und hinzugeben. Nicht in harter Forderung an andere, sondern in froher Opferung des Eigenen lebt Gerechtigkeit. Letzte Wirklichkeit wird hier Wirksamkeit, wird Freiwilligkeit als Lust an der Arbeit, als Freude an den Menschen, als Hingabe ans Ganze. Der Geist wird Heiterkeit und Tapferkeit des Opfers. Die begeisterte Freude wird tätige Liebe.

Wir lieben den Leib, weil er ein Raum ist, der dem Geist geweiht ist. Wir lieben den Acker, weil Gottes Geistes-Ruf das Land geschaffen hat, und weil Gott selbst die Erde aus dem unbearbeiteten Natur-Zustand in die Kultur menschlicher Gemeinschafts-Arbeit ruft. Wir lieben die körperliche Arbeit, und wir lieben die geistige Betätigung; wir lieben den Reichtum aller schöpferischen Kunst, und wir lieben die Erforschung aller geistigen Zusammenhänge der ganzen Menschheit, ihrer Geschichte und ihrer Friedens-Bestimmung; wir lieben die Arbeit der Muskeln und der Hände, und wir lieben das Kunsthandwerk, in dem der Geist die Faust führt; denn wir sehen in der gegenseitigen Durchdringung van Hand und Geist und von Geist und Hand das Geheimnis des Lebens und der Lebens-Gemeinschaft. Wir erkennen und tun darin den Willen Gottes; denn Gott hat als Geist, als schöpferischer Geist die Natur geformt; Gott hat als Geist, als erlösender Geist, seinen Söhnen und Töchtern die Aufgabe und das Erbe der Erde anvertraut, dass ihr Garten sein Garten werde, dass so die Menschen-Arbeit Gottes-Gemeinschaft wird. Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil derselbe Geist der Einheits-Schöpfung auf uns einwirkt, durch den die Natur zur Einheit gerufen ist, und durch den die Kultur-Arbeit Gemeinschaft in Gott werden soll.

Das Gleichnis des Leibes ist also ebenso wenig zufällig wie die Nachricht, dass Gott die Erde gewinnen wird, dass sie Friede und Freude und Gerechtigkeit wird. Die Menschheit wird ein Organismus sein, gerade wie jeder einzelne beseelte Körper aus selbständigen einzelnen Zellen besteht. Dieser Organismus lebt schon heute in der verborgenen Gemeinde. Das Bekenntnis zur unsichtbaren Wirklichkeit und Einheit der Gemeinde ist Bekenntnis der Freiheit im Geist und der Gemeindezucht durch den Geist zugleich. Je bestimmter und selbständiger eine beauftragte Gruppe ihren Weg zu gehen hat, umso tiefer muss in ihr das Einheits-Bewusstsein und Zugehörigkeits-Bewusstsein der „una sancta“ gegenüber sein, umso dringender braucht sie die Gegenseitigkeit des Dienstes der ganzen Glaubenseinheit, die Zucht und Erziehung durch die ökumenische Einstimmigkeit der Glaubens- und Lebenshaltung aller, die an die Gemeinde glauben.

Die einzelnen Vereinigungen, alle die Hausstände, die einzelnen Höfe oder Siedlungen sind, soweit sie lebendig sind, selbständige Zellen in dem großen Organismus, gerade wie in ihnen die einzelnen Familien und Menschen. Das Geheimnis besteht in der Freiheit der Selbstbestimmung als in der Hingabe an das Ganze, in der Freiheit des guten Willens. Die Freiheit, in der

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allein gemeinsames Leben bestehen kann, ist der Bevormundung und der Beherrschung durch menschlichen Eigenwillen ebenso entgegengesetzt wie der Haltlosigkeit und Zügellosigkeit. Wenn eine Gemeinschaft ergriffener Menschen an den Geist glaubt, so lebt die Freiheit der Einzelnen in dem freien Entschluss des Gemeinschafts-Willens, den der Geist wirkt. Die Freiheit wird als Wille des Guten Einheit und Einstimmigkeit von innen heraus; denn der Wille des so befreiten Menschen ist für das Reich, für die Einheit Gottes, für die ganze Menschheit da. Er ist höchst gespannte Kraft des Lebens.

Er steht als kämpfender Wille in einer tödlichen Welt, in der er sich gegen alle zerstörenden Gewalten der Lüge und der Unreinheit, gegen alle versklavenden Gewalten des Kapitalismus und der militärischen Waffe behaupten muss. Er ist Kampf-Wille gegen den Mord-Geist, gegen alle Feindseligkeit, auch gegen das streitende und hetzende Gift der Zunge, gegen Unrecht und Ungerechtigkeit der Menschen untereinander, also gegen das Wesen des Hasses und Todes, gegen alle Nicht-Gemeinschaft im großen öffentlichen Leben wie im kleinsten persönlichen Dasein. Der Ruf der Freiheit ist der Ruf zu einem Feldzug, der keine Pause lässt, zu einem Krieg, der keine Erholung gönnt. So gerufene Menschen sind ununterbrochen auf dem Sprung. Die Not der Unterdrückten und Benachteiligten, die Solidarität mit dem Proletariat, der Kampf gegen das Schlechte in sich selbst und überall in der Umwelt erfordert die stärkste Willenskraft, die überhaupt unter Menschen möglich ist, die Entfaltung aller Kräfte, die Menschen gegeben werden können. Wir müssen in Gemeinschaft leben, weil der Kampf des Lebens gegen den Tod geschlossene Armeen beseelter Blutkörper erfordert, die überall dort eingesetzt werden müssen, wo der Tod das Leben bedroht.

Dieser Kampf gegen alles Schlechte, gegen alles, was die Gemeinschaft vergiftet oder zerstört, wird stärker als gegen die Außenwelt im eigenen Gemeinschaftsleben, bei weiten am stärksten und härtesten in jedem Einzelnen geführt. Es wird im gemeinsamen Leben jede Art von Weichlichkeit, jede Zärtlichkeit der Schwäche durch die glühende Kraft der Liebe überwunden. Der Geist der Gemeinde nimmt in jedem Einzelnen Kampfstellung ein und bekämpft von seinem neuen Menschen aus das alte Menschtum in ihm.

Was an Einkünften, größeren und kleineren Besitztümern dem Einzelnen zukommt, wird von jedem Gliede des verantwortlichen Kreises bedingungslos dem gemeinsamen Leben gegeben. Aber auch die Hausgemeinschaft als geschlossene Gruppe sieht sich nicht als Eigentümerin ihrer Unternehmen und Inventarien an. Wir stimmen vielmehr der Gemeinschaftsleitung in Bilthoven in Holland und unserem Freunde Kees Boeke zu, dass der Gemeinschaftskreis seine Sachen und Güter und Werte für die Gemeinschaft aller verwaltet, deshalb allen die Tür offen hält und für alle Entscheidungen ungetrübte Einstimmigkeit in einem Geiste fordert.

Es ist klar, dass dieser Freiheitskampf um die Einheit und Weite der Liebe auf allen Kampfplätzen mit den verschiedensten Mitteln geführt wird, dass die Gemeinschaftsarbeit unter den Menschen die verschiedensten Wege findet, weil der Geist reich ist. Aber es gibt Gewissheit für alle Stücke des Weges, auf den man gerufen ist, und nur bei unmittelbarer Gewissheit des Auftrags gibt es Treue, unbeirrbare Klarheit, auch im Einzelnen bis ans Ende. Wer nicht ausharrt, kann nichts anvertraut bekommen. Nur wer bei der Stange bleibt,

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kann die Fahne tragen. So gibt es unter den Menschen keinen großen Auftrag ohne eine abgegrenzte Sonder-Aufgabe.

Entscheidend bleibt, dass immer gerade das Besondere nur auf Christus hinführt und wirklich dem Ganzen, der Gemeinde, dem kommenden Reich dient. Wo eine Arbeit als Sondersache sich selbst sucht, führt sie vom Wege ab. Wer aber an seinem besonderen Platz in charakteristisch betonter Weise dem Ganzen dient, kann wohl sagen: ich gehöre Gott und dem Leben in Gemeinschaft oder Gott und einem anderen besonderen Auftrag. Aber die Klarheit über die Kleinheit und Begrenzung des Dienstes dem Ganzen gegenüber ist Voraussetzung, dass dieser menschliche Dienst Gottesdienst ist, so dass der begrenzte Auftrag, - wie hier das Leben in Gemeinschaft, - nicht mit der Gemeinde Christi selbst verwechselt werden kann. Das Leben in Gemeinschaft ist Zucht-Gemeinschaft, Erziehungs-Gemeinschaft, eine Zubereitung der Menschen in der Nachfolge Christi. Das Geheimnis der Gemeinde ist mehr und anders: es dringt als Leben Gottes in die Zucht-Gemeinschaft ein, so oft in jener tragischen Spannung jenes unbeschreiblich verlangende offen Sein und bereit Sein geschenkt wird, in dem Gott allein handeln und sprechen will. In solchen Augenblicken kann die Erziehungs-Gemeinschaft von der verborgenen Gemeinde aus beauftragt werden und für eine bestimmte Sendung gewiss gemacht werden, namens der Gemeinde zu sprechen und zu handeln – ohne sich doch selbst mit der Gemeinde Gottes zu verwechseln.

Die Gemeinde, an die wir glauben, lebt im heiligen Geist. Der Geist, an den wir glauben, trägt die Gemeinde in sich. Dieser Gemeindegeist ist die Beseelung der zukünftigen Menschheits-Einheit und aller heutigen lebenswirklichen Gemeinschaften. Nicht irgendein Zusammenschluss von Menschen, sondern einzig und allein die Geist-Gemeinde, die im heiligen Geist vorhandene und wirkliche Gemeinde ist die Grundlage und das Element aller Gemeinsamkeit und Einheit. Wie jeder Organismus durch die Bewusstseinseinheit des ihn beseelenden und durchdringenden Geistes zur Einheit wird und Einheit bleibt, so ist es in der glaubenden Gemeinschaft. Die Zukunfts-Einheit der Menschheit, in der niemand als Gott herrschen wird, ist durch den Geist gewährleistet. Denn dieser Geist ist der kommende Führer und Herr selbst. Er ist das Einzige, was unsere Hand von der großen Liebes- und Einheitszukunft schon jetzt halten kann. Der Glaube an den Geist ist Glaube an die Gemeinde und Glaube an das Reich.

So werden immer wieder in einem solchen Gemeinschafts-Leben die Menschen vor die Entscheidung gestellt werden, wie und wozu sie berufen sind und ob sie dem Ruf folgen werden. Nur immer einige werden auf den besonderen Weg unserer Lebensarbeit gerufen sein, aber wirklich wird eine kleine kampferprobte, sich immer neu opfernde Schar diese Lebens-Aufgabe als ihren von Gott gewiesenen gemeinsamen Weg bis ans Ende festhalten. Sie wird bereit sein, für die Gemeinsamkeit des Lebens das Leben selbst zu opfern. Wie man sich für die Heirat aus Elternhaus und beruflicher Laufbahn losreißt, wie man für Gatten und Kind das Leben wagt, so ist für den Ruf auf den Weg das Abbrechen alles anderen und die Drangabe des Lebens das Gewiesene. Das öffentliche Zeugnis freiwilliger Arbeits-Gemeinschaft und Güter-Gemeinschaft, das Zeugnis des Friedens und der Liebe hat nur bei Einsatz des ganzen Lebens seinen Sinn.

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Von Sannerz zum Bruderhof

Ein Überblick und ein Hinweis

(die Wegwarte, Mai/Juni 1927, S. 147; Autor nicht bekannt)

Die Erkenntnis des religiösen Sozialismus und der geistigen kommunistischen Gemeinschaftsforderung war der äußere historische Anstoß, der einige von uns in den Jahren 1918 und 1919 auf den Weg das gemeinsamen Lebens drängte. Innerlichst waren wir von Anfang an überzeugt, dass die Gemeinschaftsversuche zum Scheitern verurteilt sind, soweit sie nicht den Geist der Bergpredigt und der Urgemeine in sich tragen. In öffentlichen Vorträgen und offenen Abenden wurden wir in größeren und kleineren Kreisen suchender Menschen in das Erlebnis der Bergrede Jesu und der Urgemeinde hineingeführt, wie sie in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte zu uns sprach. Die völlige Hingabe als die völlige Liebe, die Gemeinsamkeit des Lebens, auch in allen äußeren Dingen, leuchtete uns als ein Weg auf, der uns zu den Menschen führen sollte, die damals so leidenschaftlich um Gemeinschaft und Gemeinsamkeit rangen und litten. Die Hauptsache ging uns schon damals als innerster Antrieb auf, dass wir in tiefster gemeinsamer Sammlung die Stimme des Geistes hörten, der allein Einheit in sich trägt. Deshalb fielen die Botschaften die von der ersten Bilthovener Konferenz der damaligen christlichen internationale und Bruderschaftsbewegung, sowie von Schlüchtern und Tambach aus zu uns drangen, auf einen bereiteten Boden. Wir fühlten uns mit diesem Friedenswillen und brüderlichen Gerechtigkeitswillen des freiwirkenden Christusgeistes und mit dem Vertrauen auf den Geist der Urgemeinde der uns gewordenen Berufung nach völlig identisch. Indessen war einer von uns im Jahre 1919 in einer Bergpredigt-, Siedlungs- und Jugendbewegungs-Konferenz der deutschen christlichen Studenten-Vereinigung in Marburg und in einer ersten gemeinsamen Tagung Christus-bestimmter freier Jugendbewegung auf dem Inselsberg verantwortlich tätig.

Daraus entstand unsere enge Arbeitsverbindung mit der damaligen Schlüchterner Neuwerk-Genossenschaft. Eberhard Arnold und Else von Hollander übernahmen für etwa zwei Jahre die Verantwortung über den damaligen Neuwerk-Verlag und die Zeitschrift „Das neue Werk, ein Dienst am Werdenden“, unter Fühlung mit den verantwortlich führenden bisherigen Leitern der damaligen Neuwerksache. Infolgedessen zogen neun von uns, die heute noch unter uns leben, zur Sonnenwende 1920 nach Sannerz und gewannen nach vorübergehend knapper Einschränkung im Hause Lotzenius allmählich das Haus und Grundstück von Conrad Paul für eine langjährige Pacht.

Die zwei Jahre, die wir in der Neuwerk-Verantwortung derselben Sache zu dienen suchten, der wir heute angehören, vergingen in raschem Flug: Die Ströme von Hunderten, die aus der Jugendbewegung aller Art durch unser Haus fluteten, brachten viel Chaos und Störung, aber ebenso viel positive Bewegtheit und tiefste Anregung mit sich. Was wir diesem Gesamterlebnis dieser erweckten Jugend verdanken, die besonders seit 1918, am stärksten in dem damaligen Freideutschtum und in der proletarischen Jugend auf uns einwirkt, ist so tief und groß, dass hier nur darauf hingewiesen werden kann: Es war ein Ereignis, das nicht von Menschen herrührte, sondern vielmehr das damalige Menschentum auf die große Zukunft Gottes hin erschütterte.

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Der Vortrag „Religiosität der heutigen Jugend“, den Eberhard Arnold auf der allgemeinen deutschen Studenten-Konferenz in Eisenach im August 1918 hielt, liegt in unserem Verlag als ein Zeugnis vor, wie wir damals diese Bewegung erlebt haben. Der Wille zu Befreiung von den entarteten und verlogenen Großstadtverhältnissen, das Wagnis neuer Aufrichtigkeit im gegenseitigen Verkehr, die Hoffnung auf reine Freundschaft, die Freude an der Gotteseinheit drängte diese Jugend zu rastlosem Suchen und Ringen. Die romantische Unbestimmtheit des religiösen Gefühls, die zwischen dem reinen Geist und der körperlichen Natur ein harmonisches Verhältnis sucht, kämpfte mit dem Lauschen auf die innere göttliche Stimme, bis endlich hier und da das klare Auge Gottes aufleuchtetet. In immer größeren Kreisen kam es zu der entscheidenden Erschütterung, die jeden bis in das Fundament seines Lebens bewegen muss, wenn ihm der Christus begegnet und ihn zu der Tat ruft, die allein dem Willen Gottes entspricht.

Diese Erschütterung wurde vertieft und geklärt, als im Jahre 1922 von der Stählinschen Kritik her und zugleich von dem immer tieferen Erfassen des Gotteszeugnisses Karl Barths die Tatsache des Kreuzes aufs Realste unter uns lebendig wurde. Da viele von uns die lebendigen Zeiten der Evangelisations- und Gemeinschaftsbewegung in sich aufgenommen hatten, war diese Botschaft von dem mitgekreuzigt Werden und von der menschlich unbeeinflussbaren Gnade stark wirksam. Wir sahen, dass die Wirklichkeit des Kreuzes unendlich realer ist, als es in Erbauungsversammlungen empfunden werden kann. Deshalb fühlen wir uns der Krisis und Scheidung, die im Jahre 1922 sowohl in unserem Haus wie in der Neuwerksache vor sich ging, zu tiefstem Dank verpflichtet.

Jeder alte und jeder neue Lebensgefährte muss immer von neuem in diese Katastrophe des Kreuzes gestürzt werden.

Aber es blieb und wuchs unter uns die letzte Gewissheit, dass das Kreuz nur dann wirklich ist, wenn es zur Auferstehung wird. Deshalb konnten wir den Rat vieler wohlmeinender Freunde nicht folgen, die die damalige Bewegung in dem Sinne zum sich fügenden Gehorsam zurückleiten wollten, dass man sich in die Staatlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kirchlichen Gegebenheiten schicken solle, während man doch in ihrer Mitte den Protest und den Willen der Erneuerung weiter vertreten solle. Wir blieben uns vielmehr gewiss, dass wir die bisherige Richtung der möglichst weitgehenden Lösung von diesen organisatorischen, zivilisatorischen, menschlich dämonischen Bindungen suchen und von Gott erwarten sollten. So blieb denn in uns der Wille zur ewigen Revolution und zur weit greifenden Freiheit der völligen Liebe lebendig. Gerade deshalb war es uns ein Geschenk, als wir in dieser Zeit mit aufgeweckten Kreisen in Gemeinschaft kamen, die eine Befreiung vom verengten Sektengeist auf dem Wege zum kommenden Reich Gottes suchten; denn wir wussten uns der Gesamtheit aller Menschen verantwortlich und glaubten nach wie vor, dass die offene Tür für alle Menschen unsere Lebensaufgabe sei.

Unsere positive lebendige Verbundenheit mit dem brüderlichen Willen der Neuwerksache, mit der schweigenden Sammlung des Quäkertums, mit der Unmittelbarkeit der echten Jugendbewegung, mit der Gerechtigkeitsforderung

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des religiösen Sozialismus und mit dem Glaubensgeist der christlichen Erweckungsbewegung blieb unverändert bestehen und verpflichtet uns stets von neuem zu solidarischem Zusammengehen innigster Vereinigung.

Indessen war unser Buchverlag als Eberhard Arnold-Verlag GmbH Sannerz und Leipzig in dem Sinne selbständig geworden, als er so gut wie ausschließlich auf der Hausgemeinschaft Sannerz und ihrer Lebensaufgabe aufgebaut war. Unser landwirtschaftlicher Mitarbeiter Adolf Braun, der aus jener befreiten Gruppe im Jahre 1924 zu uns kam, brachte die von ihm mitbegründete „Wegwarte“ mit sich; und zu den aus der im Jahre 1922 aufgeteilten Neuwerk-Verlags-Genossenschaft mitgebrachten Büchern trat bald die für uns sehr bedeutungsvolle Unternehmung der „Quellen – Lebensbücherei christlicher Zeugnisse aller Jahrhunderte“, die heute das eigentlich Rückgrat unseres Verlages bildet.

Dem gegenüber ist der Ausbau der Kindergemeinde, der Landwirtschaft. der Gärtnerei und des Handwerks für uns auch von innerlicher Bedeutung. In der Kinder-Gemeinde, über deren Stand und Weg die vorige Nummer der „Wegwarte“ unterrichtete, die wir auf Wunsch gerne zustellen, leben im Augenblick 23 Kinder, für deren Versorgung unsere eigene Arbeitsleistung und die Patenschaft unserer Landsgemeinde ohne Hinzuziehung staatlicher Fürsorge- oder Pflegegelder eintritt. Die Schule wird im Januar vier Lehrkräfte für die geistigen Fächer und nach Fertigstellung des Baus zwei Lehrkräfte für handwerkliche Ausbildung haben. Trudi Dalgas und Suse Hungar tragen neben den anderen verantwortlichen Gliedern der Hausgemeinschaft die Hauptlast dieser Arbeit. Die Säuglingsstation konnten wir nicht ausbauen, da unsere Schwester Monika erkrankte und deshalb in diesem Jahr in der Schweiz ist, von wo sie bald zurückkehren soll.

In der Landwirtschaft und Gärtnerei stehen neben unseren alte Mitarbeitern Roland Keiderling und Adolf Braun drei Kräfte in diesem anstrengenden Dienst. Der frühere Besitzer des etwa 155 Morgen umfassenden Bruderhofs hilft uns treulich mit Rat und Tat.

Im Verlag und in der Buchführung haben Eberhard Arnold und Else von Hollander drei Kräfte zur Seiten, die z.T. auch in anderer Arbeit beschäftigt sind. Im Verlag konnten wir in letzter Zeit dank besonders des einen neuen Mitarbeiters ein gutes Stück vorwärts kommen. Die persönliche und wirtschaftliche Versorgung liegt hauptsächlich in den Händen von Emmi Arnold, die besonders auch für die Kinder angespannt ist, unter stärkster und verantwortlicher Mitarbeit des langjährigen Hausgliedes Rosel Meyer und zweier weiterer hingebender Kräfte.

Unser Entschluss, von Sannerz fortzuziehen, beruht im Grunde auf der Notwendigkeit, unseren Arbeitskräften ein größeren Feld zur Betätigung zu geben und so unserer Arbeit eine breitere Grundlage eigener Leistung zu schaffen. Wir hätten jedoch auch mit der Vergrößerung der Kindergemeinde, die wir jetzt vorbereiten, gern noch einige wenige Jahre gewartet, wenn es nicht im Interesse unseres Verpächters gelegen hätte, sein an uns vermietetes Haus für seine Verkaufsabsichten frei zu machen. Immerhin begegneten sich die Wachstumsnotwendigkeit und diese Bitte unseres Vermieters so deutlich, dass wir darin den Willen der Führung sahen. Es hätte uns nicht viel daran gelegen, dass wir in den Gemeinschaftsbesitz eines größeren oder kleineren

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Grundstückes kamen. Wir hätten ebenso gerne, am liebsten in der Nähe einer Großstadt, ein größeres Pachtgebäude oder Gartengrundstück gemietet, wenn wir ein solches Projekt zugewiesen bekommen hätten.

Als uns in dieser Lage das größte Sparhofgut, Gemeinde Veitsteinbach, auf herrlicher Höhe gelegen, einigermaßen heruntergewirtschaftet und deshalb verhältnismäßig billig angeboten wurde, war es einem Freund unseres Hauses eine großherzige Freude, unserer Arbeit diese Heimat zu schaffen, so dass wir durch seine Stiftung die Anzahlung des Kaufes leisten konnten. Nun konnte für die Ausführung des Baues die Tür weit aufgetan werden. Eine Zeit lang waren es sechs freiwillige, ohne berechneten Geldlohn arbeitende Baukräfte, augenblicklich sind es drei, die für den Bau auf dem Bruderhof tätig sind. Die Leitung des Baues im Sinne des technischen Bauführers hat unser mehrjähriger Mitarbeiter Georg Barth in der Hand, der später wieder dem Kunsthandwerk-Unterricht der Kinder gehören wird. Die besten Leistungen des Bautrupps liegen auf dem Gebiete der Schreinerei und Schmiedearbeit. Zur Aufrichtung der neuen Stockwerke mussten wir bezahlte Zimmerleute im Anspruch nehmen. Das Material konnte zum Teil aus unserem Walde gewonnen werden, musste jedoch zum anderen Teil bezahlt werden. Die Gesamtkosten der über zwanzig neuen Wohn- und Arbeitsräume betragen trotz strengster Sparsamkeit und Aufopferung insgesamt 7500 Mark, eine für unsere Verhältnisse sehr hohe Summe, für deren Beschaffung wir zum Schluss der vorliegenden „Wegwarte“ die Hilfe unserer Freunde erbitten.

Wenn diese „Wegwarte“ in euern Händen ist, lebt der größte Teil unserer Hausgemeinschaft unter starken Einschränkungen bereits auf dem „Bruderhof“, Gemeinde Veitsteinbach. Der Verlag, ein Teil der besonders zu pflegenden Kinder und unser Korrespondenzbüro befindet sich bis etwa zum 1. Juli noch in Sannerz, was wir für eure Zuschriften zu berücksichtigen bitten. Leider können wir unter den sehr beschränkten Wohnverhältnissen und bei der anspannenden unruhigen Bauarbeit euch nicht bitten, uns vor dem 1. August zu besuchen. Wir hoffen, euch während des Sommers ein stilreineres und entsprechenderes Heim bereiten zu können, als es in Sannerz der Fall sein konnte. Deshalb erbitten wir von euch diese Besuchspause werktätiger Stille, in der wir möglichst ungestört arbeiten müssen.

Auch die innere Auseinandersetzung mit uns selbst und mit unseren vorübergehenden, je nach der inneren Führung bei uns bleibenden Mitarbeitern erfordert unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und Hingabe. Denn wir fühlen uns alle, die an unserem Werk helfen, in dem Sinne verantwortlich, dass der letzte Wille aus diesen Begegnungen Ereignisse schaffen will, die für uns alle von entscheidender Bedeutung sein sollen. Letztlich soll jedes zusammengeführt Werden mit Menschen dahin gelangen, dass alle, die sich auf dem Weg begegnen, vor die große Katastrophe des Endes und des neuen Anfangs gestellt werden. Nur in dieser letzten Tiefe wird sich die klare Bestimmtheit ergeben können, wohin ein jeder von uns für sein Lebensschicksal geführt und gestellt ist. Nur so wird jene innerste Gemeinschaft in der Urtiefe immer neu geboren werden, die wir als das Geheimnis der Gemeinde bezeichnen. Dass dieses Geheimnis der allein im heiligen Geist wirklichen Gotteseinheit für unser Leben wegweisend sein soll, ist aus unserem Bekenntnis zu ersehen: „Warum wir in Gemeinschaft leben“.