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Nietzsches Ringen um Gott

EA 16/13

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Author Eberhard Arnold
Date January 01, 1916
Document Id 20126080_11_S
Available Transcriptions German

Nietzsches Ringen um Gott

[Arnold, Eberhard and Emmy papers - P.M.S.]

EA 16/13

Der Geisteskampf der Gegenwart

Nietzsches Ringen um Gott. [Näheres in "Urchristliches und Antichristliches im Werdegang Friedrich Nietzsches" von Dr. Eberhard Arnold. Eilenburg 1910. (Zweite erweiterte Auflage in Vorbereitung).

Bemerkung des Herausgebers: "Viele deutsche Krieger, die mit Nietzsches Zarathustra hinausgezogen sind, werden mit dem Neuen Testament heimkehren." Hoffen wir, daß dieses Wort sich als Wahrheit erweist. Aber auch dann wird die Auseinandersetzung mit Nietzsche eine wichtige Aufgabe unseres deutschen Geisteslebens bleiben. Sie vorzubereiten diene der folgende Aufsatz]

Zur Beleuchtung des erneuten Einflusses Friedrich Nietzsches.

Von Dr. Eberhard Arnold, Berlin Wilmersdorf.

I. Der Ursprung.

Am 15. Oktober 1844 wurde Friedrich Nietzsche als Sohn einer alten sächsischen Pastorenfamilie zu Röcken bei Lützen geboren. Nach dem Tode des Vaters wurde er in Naumburg durch zwei Pfarrfrauen auferzogen, durch seine Mutter und durch seine Großmutter. In der Bürgerschule hieß er nur "der kleine Pastor", weil er eine altkluge pastorale Ausdrucksweise liebte und so gerne Bibelsprüche und Gesangbuchverse hersagte.

Nietzsche hat es später betont, daß das Christentum des elterlichen Pfarrhauses seinem inneren Wesen glatt und weich angelegen habe, gleich einer gesunden Haut (Lon Salome, S. 48). Die religiöse Luft seiner Umgebung gehörte zu seiner Erziehung, ohne aber die Forderungen seines Gewissens befriedigen zu können.

Als er in einer Missionsstunde einige seiner schlechteren Spielsachen für die Heidenkinder gespendet hatte, antwortete er auf den Dank der Diakonisse, daß sie gewiß ihr Liebstes und Bestes geopfert hätten, und auf die vertraute Frage seiner Schwester, ob Gott denn wirklich das Allerbeste forderte, mit gedrückter Stimme: "Doch, Lisbeth" (Biogr. I, 1, S. 57).

Nietzsche mag geglaubt haben, die Religion zu lieben wie eine Mutter; (Menschl. 292) der Forderung seines entschiedenen Gewissens, sein Liebstes und Bestes hinzugeben, ist er nie nachgekommen.

Es war ein gewisses Gottvertrauen, eine stille Ergebenheit und weihevolle Stimmung, die die religiöse Luft seiner Kindheit erfüllte, so daß er später noch meinen konnte, "mit zwölf Jahren Gott in seinem Glanz gesehen zu haben" (Bernouilli 178).

An seinen Freund Peter Gast schrieb er sogar in späterer Zeit: "Das Christentum ist doch das beste Stück idealen Lebens, welches ich kennen gelernt habe. Von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie in meinem Herzen gegen dasselbe gemein gewesen" (T. X. XXIII).

In der Tat hat er als dreizehnjähriger Knabe aus persönlichem Interesse eine Abhandlung über den "Ursprung des Bösen" geschrieben (Gen. Vorrede III),

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die ohne Feindschaft gegen das Christentum die späteren Probleme andeutet. Aber niemals ist sein Gewissen und seine Sehnsucht nach Entschiedenheit in einem persönlichen Christentum befriedigt worden.

Auch das tief empfundene Gedicht aus dem Jahre 1862 hat ihn nicht zu der ersehnten Festigkeit geführt:

Du hast gerufen,

Herr, ich eile

Und weile

An deines Thrones Stufen.

Von Lieb‘ entglommen

Strahlt mir so herzlich

Schmerzlich

Dein Blick ins Herz ein;

Herr ich komme!

Ich war verloren,

Taumeltrunken

Versunken

Zur Höll‘ und Qual erkoren.

Du standst von ferne. -

Dein Blick unsäglich

Beweglich

Traf mich so oft:

Nun komm ich gerne.

Ich fühl‘ ein Grauen

Vor der Sünde

Nachtgründe.

Und mag nicht rückwärts Schauen.

Kann dich nicht lassen. -

In Nächten schaurig

Traurig

Seh ich auf dich:

Und muss dich fassen.

Du bist so milde,

Treu und innig -

Herzinnig.

Lieb‘ Sünderheilandbilde!

Still mein Verlangen,

Mein Sinnen und Denken

Zu senken

In deine Lieb‘:

An dir zu hangen!

Der Sekundaner scheint an sich selbst zu denken, wenn er schreibt: "So oft ein Mensch laut gegen Religion spricht, vermute man dreist, daß nicht seine Vernunft, sondern daß eine Leidenschaft Gewalt über seinen Lehrglauben gewann. Sündlicher Wandel und reiner Glaube sind unverträgliche, unruhige Nachbarn!" (Biogr. I, S. 130).

Schon als Primaner hält er in seinem Schülerverin Vorträge, daß das Christentum sich nur auf Annahmen gründe, die immer Probleme bleiben würden. Mit beweglichen Worten schildert er seinen eigenen Kampf zwischen dem Zweifel, "ob nicht 2000 Jahre ein Trugbild geleitet habe" und dem Gefühl eigener Vermessenheit und Tollkühnheit. Er habe alles zu leugnen versucht, ohne aber bei einer völligen Verneinung beharren zu können. So konnte er denn später das Zeugnis ablegen: "Ich bin nicht eine Stunde meines Lebens Christ gewesen" (Wille z. M. 164). Und schon als Primaner entrollte er in seiner schriftlichen Arbeit über "das Christentum" das Programm seines späteren Kampfes. "Der Wahn einer überirdischen Welt hat den Menschen in eine falsche Stellung zur irdischen Welt gebracht" (Biogr. I, S. 320).

Aber noch der Abiturient beweist seine ergreifende Sehnsucht nach dem Höchsten in seinem Abschiedslied an den unbekannten Gott:

Noch einmal, eh' ich weiterziehe

Und meine Blicke vorwärts sende,

Heb' ich vereinsamt meine Hände

Zu dir empor, zu dem ich fliehe,

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Dem ich in tiefster Herzenstiefe

Altäre feierlich geweiht,

Daß allezeit

Mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht, tief eingeschrieben,

Das Wort: Dem unbekannten Gott!

Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte

Auch bis zur Stunde bin geblieben.

Sein bin ich und ich fühl die Schlingen,

Die mich im Kampf daniederziehn,

Und mag ich fliehn,

Mich doch zu seinen Diensten zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter,

Du tief in meine Seele Greifender,

Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,

Du Unfaßbarer, mir Verwandter,

Ich will dich kennen, selbst dir dienen!

Das erste Semester 1864 1865 widmete er außer der Philologie auch der Theologie. Nach vier Jahren schreibt er hierüber (Biogr. I, S. 210): "Meine Studien waren mit Energie auf die philologische Seite der Evangelienkritik und der neutestamentlichen Quellenforschung gerichtet: Ich bildete mir nämlich damals noch ein, daß die Geschichte und ihre Erforschung imstande sei, auf gewisse religiöse und philosophische Fragen eine direkte Antwort geben zu können." Die Bibelkritik vermochte den Riß in seinem Innern nicht zu heilen. So gab er denn zur Betrübnis seiner Angehörigen das Theologiestudium auf. In einem Brief an seine Schwester schreibt er: " Willst du Seelenruhe und Glück erstreben, nun so glaube, willst du ein Jünger der Wahrheit sein, so forsche." In demselben Brief bezeugt er, wie unendlich schwer es ihm wird, "unter häufigen Schwankungen des Gemüts, ja des Gewissens, oft trostlos die neuen Bahnen zu gehen" (Biogr. I, S. 216).

Seinem Freunde Deußen hat er in einem echten Studentengespräch dessen Begeisterung für David Friedrich Strauß mit den nachdenklichen Worten beantwortet: "Die Sache hat eine ernste Konsequenz; wenn du Christus aufgibst, wirst du auch Gott aufgeben müssen" (Deußen, S. 20).

II. Die Ausgestaltung.

Das tiefere Studium führte Nietzsche in das Griechentum und zu Schopenhauer. Er hat aus eigener Erfahrung gesprochen, wenn er erklärt: "Ernstliiche Neigung zum Altertum macht unchristlich" (Hauptausgabe X, S. 307) (T. II, Wir PHhilologen 141). Und noch bedeutungsvoller ist sein zweites Bekenntnis: "Der Atheismus war das, was mich zu Schopenhauer führte" (Ecce 71). Wie tief er unter der gähnenden Leere einer entchristlichten und entgotteten Weltanschauung gelitten hat, beweisen seine eignen erschütternden Worte: " Der tolle Mensch" (Fröhliche Wissenschaft 125): " Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet. Wir alle sind seine Mörder. Wie vermochten wir das Meer auszu-

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trinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet wer wischt dies Blut von uns ab" "Wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehen, ob er überhaupt noch etwas in den Händen hat." "Exzelsior" (Fr. Wiss. 285): "Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr in endlosem Vertrauen ausruhen es gibt keine Vernunft mehr in dem, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird Mensch der Entsagung, in all dem willst du entsagen!"

Die Stellung zu seinem dritten Glücksstern Richard Wagner wird in seiner "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" klar: "Das ganze Buch kennt nur einen Künstlersinn und Hintersinn hinter allem Geschehen einen Gott, wenn man will, aber gewiß nur einen gänzlich unbedenklichen, unmoralischen Künstlergott" (Selbstkritik 1886, 5). Hier begegnen wir dem charakteristischen Triebe Nietzsches, seine religiöse Sehnsucht auf anderem Wege zu befriedigen, nachdem er Gott und Christus verworfen hatte. Deshalb hebt er immer wieder die Entdeckung des Dionysischen hervor, die dieses Buch gebracht habe, Dionysos, des wilden Bacchusgottes der Griechen, der in Wein und Natur für das Leben schwärmte. Nietzsche nennt offen das Motiv dieser Entdeckung: ein Verlangen nach tragischem Mythus, nach Religion (T. I, XXXIII, XXXV).

Es ist die religiöse Sehnsucht, die ihn zu Richard Wagner getrieben hat. Denn "ein tiefer Mensch braucht Freunde, es wäre denn, daß er seinen Gott noch hätte" (Biogr. II, S. 612). "Religion ist Liebe über uns heraus. Meine Religion liegt in der Arbeit für die Erzeugung des Genius" (Wir Philologen 284). So war denn Friedrich Nietzsche in allem Atheismus "die Freude an dem Zauber religiöser Empfindungen und Stimmungen geblieben, ganz besonders in der Musik" (Menschl. 131).

Nietzsche merkt es selbst, daß "sein Geist für die Leere seit der Trennung von der Religion beständig einen Ersatz, eine Art von Ausfüllung zu schaffen sucht" (Menschl. 472). "Es wirft sich der zum Strom angewachsene Reichtum des religiösen Gefühls auf immer neue Gebiete, ja selbst auf die Wissenschaft" (Menschl. 150).

Nun scheint sich Nietzsche ergeben zu haben. Wie vorher das christliche, so soll die Musik jetzt das wissenschaftliche Denken verklären: "Erhabenheit, tiefes und warmes Licht und Wonne der höchsten Folgerichtigkeit auf einmal zu empfinden" (Morg. 461). Unter dieser neuen Religion soll sich die Menschheit "erhabener und getrösteter" fühlen "als unter dem Christentum" (Morg. 429). Ja, sie soll zu den gleichen Opfern bereit sein wie in den früheren Religionsepochen (Morg. 429). Es hat also Nietzsche nicht genützt, "den Geist der Wissenschaft zu beschwören" (Morg. 461, 244), um an ihm "den Glutstrom des Glaubens abzukühlen." Der "Seufzer nach der verlorenen Geliebten" (Morg. 461, 153), wie er sein Sehnen nach Religion und Metaphysik genannt hat, ist immer wilder

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hindurchgebrochen. Er kann sich nicht retten. "Das gefährliche Spiel" (Morg. 461, 121) muß immer weiter gespielt werden. "Wer der religiösen Empfindung wieder in sich Raum gibt, der muß sie dann auch wachsen (Morg. 461, 121) lassen." "Die Empfindung kann nicht stillestehen. Man nehme sich also in acht!" (S. 44. 7).

Ihm hat alles "Inachtnehmen" nichts genützt. Nur eins hat er bis zuletzt verhindert: die ihn so stark bedrohende Bekehrung zu Christus! Ihm war "Leichtsinn oder Schwermut jeden Grades (Menschl. 109) (!) besser, als eine romantische Rückkehr und Fahnenflucht, eine Annäherung an das Christentum in irgend einer Form." Er muß zwar bekennen: "Wir schwanken" (Menschl. 109. 248). Aber es ist nötig, dadurch nicht ängstlich zu werden und das Neu Errungene etwa aufzugeben. Überdies können wir ins Alte nicht zurück, wir haben die Schiffe verbrannt; es bleibt nur übrig, tapfer zu sein, mag nun dies oder jenes herauskommen" (Menschl. 109. 248). "Man kann ohne Schmerzen nicht zu einem Führer und Erzieher der Menschheit werden" (Menschl. 109).

III. Der Höhepunkt.

Von dem religiösen Gesichtspunkt allein ist Nietzsches "Zarathustra" zu verstehen, Zarathustra der Göttliche, Zarathustra, die Vergottung Nietzsches. In ihm hat er sich seinen eigensten Übermenschen, sein höheres Ich, seinen Gott in sich selbst herausgebildet. Bittere Enttäuschungen in Freundschaft und Verwandtschaft brachten ihn zu der paradoxen Erklärung dieser gewagtesten religiösen Schöpfung: "Immer einmal eins gibt auf die Dauer zwei" (Zar. I. V, Freunde).

Von nun an konnte er "in größtem Stile leben" (An Rohde, Juli 1882, Bl. II, 2, 398). Jetzt hatte er "das unaussprechlich wichtige Ziel, ohne welches er sich nicht über den schwarzen Fluten gehalten hätte." Jetzt "konnte nach dem Tode der Religion die Erfindung im Göttlichen wieder luxuriieren" (T. V, Nachl. 1880/81, 13). Es gab "eine atheistische Religion", "ein neues Ideal zu schaffen" (T. V, Nachl. 1880/81, 15). Es galt "die Ewigkeit, die er liebte, liebte aus Lust" (Zar. D. andere Tanzl. IV, D. z. Siegel). Es galt " einen neuen Menschen" (T. V, Nachl. 1880/81, 15).

Dieser "Religion der freiesten, heitersten und erhabensten Seelen" (T. VI, Nachl. 1881, 43) vermag die gesamte frühere Gottesverehrung "als Übung und Vorspiel" zu dienen, damit nunmehr "einzelne Menschen die ganze Selbstgenügsamkeit eines Gottes und alle seine Kraft der Selbsterlösung genießen können" (Fr. Wiss. 300).

Es war der August des Jahres 1881, in welchem der Gedanke der Wiederkunft sein Inneres ergriffen und den dort schlummernden Zarathustra zum Leben erweckt hat. "Der religiöse Glaube nimmt ab, und der Mensch lernt sich als flüchtig begreifen. Drücken wir das Abbild der Ewigkeit auf unser Leben! Dieser Gedanke enthält mehr als alle Religionen, welche dies Leben als flüchtig verachteten und nach einem anderen Leben hinblicken lehrten" (T. VI, Nachl. 1881, 35, Bi. II, 2, 375, 376).

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Aber erst im Winter 1882/83 "überfiel" ihn der erste Teil dieser gewaltigen Dichtung so überraschend mit allen Zügen einer religiösen "Inspiration", daß "der geringste Rest von Aberglaube" genügend gewesen wäre, um sich als "Medium übermächtiger Gewalten" ansehen zu müssen. Er nennt es selbst "eine Offenbarung", wie ihm "mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit etwas sichtbar, hörbar wird, das ihn im tiefsten erschüttert und umwirft." Es handelt sich um "eine Entzückung", "eine ungeheure Spannung", "ein vollkommenes Außersichsein mit dem distinktesten Bewußtsein einer Anzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fußspitzen." "Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturm von Freiheitsgefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit" (Ecce 87 90).

Unter so mächtigen, mystischen Erlebnissen, die nicht auffallender an bekannte Berichte von Besessenheit und spiritistischer Medialität erinnern könnten, ist jeder der drei ersten Teile des Zarathustra binnen drei Tagen entstanden. Es ist überraschend, wie völlig entsprechend der Ton und Geist des Buches diese Entstehung weitergespiegelt hat, so daß man häufig den Zarathustra "als eine neue Bibel" ansprechen konnte.

Es ist wieder das "so tiefsitzende" Bedürfnis nach Glauben, nach Enthusiasmus, "nach einer Erlösung von der fortwährenden Herrschaft der Vernunft", wie er es gerade damals als die größte Macht angeführt hat (Briefe Dr. P.s 5 II, 1884, Bi. II, 2, Dr. Paneth), welches dieses gewaltige Dichtwerk hervorgebracht hat. Vor allem wird die Grundstimmung an der Lehre des Übermenschen klar, welcher hier wie nie zuvor in den Vordergrund getreten ist. In diesem Ziel der Menschheit, über sich selbst hinauszukommen, sieht Zarathustra einen wirklichen Ersatz für Gott. Immer wieder ruft er aus: "Tot sind alle Götter! Nun wollen wir, daß der Übermensch lebe!" (Zar. I, v. d. schenk. Tag. IV, v. höh. Mensch). "Der Übermensch ist der Sinn der Erde" (I. Vorr. 3). "Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte, nun aber lehre ich euch sagen: Übermensch. Könnt ihr einen Gott schaffen? So schweigt mir doch von Göttern. Wohl aber könnt ihr den Übermenschen schaffen. Aber daß ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es Götter gäbe, wie hielte ich es aus, kein Gott zu sein. Also gibt es keine Götter. Wohl zog ich den Schluß; nun aber zieht er mich" (II, A. d. glücks. Ins.).

Zarathustra stößt es mit Stolz hervor: "Wer ist gottloser denn ich?" "Wo finde ich meinesgleichen?" (III, V. d. verkl. Tag). Von dem "Papst außer Diensten" erhält er die richtige Antwort: "O Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst. Irgend ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner Gottlosigkeit" (IV, außer Dienst). Welcher Gestalt dieser Gott Nietzsches sein soll, läßt Zarathustra immer wieder hindurchfühlen: "Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstände, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich" (I, V. Lesen und Schreiben). Tiefer als alles läßt uns jedoch "der häßliche Mensch" blicken, der zum Mörder Gottes geworden war, weil er es nicht

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auszuhalten vermochte, "von ihm immer durch und durch gesehen zu werden." "Der Mensch erträgt es nicht, daß solch ein Zeuge lebt."

Hierzu halte man die erschütternde Szene des Zauberers, dessen Gebet so merkwürdig an die Verse des Primaners erinnert, daß es die eigenste Erfahrung widerspiegeln muß: "So liege ich, von allen Martern getroffen, vor dir, grausamster Jäger, du unbekannter Gott! Triff tiefer! Triff einmal mich! Zerstich, zerbrich dies Herz! Sprich endlich! Was willst du, Wegelagerer, von mir? Du Blitz Verhüllter! Unbekannter! Sprich! Was willst du, unbekannter Gott? Haha! Mich willst du? Mich? Mich ganz? Komm zurück mit allen deinen Martern! Zum Letzten aller Einsamen, o, komm zurück! Alle meine Tränen Bäche laufen zu dir den Lauf! Und meine letzte Herzensflamme, dir glüht sie auf! O komm zurück, mein unbekannter Gott, mein Schmerz, mein letztes Glück." Der Schatten hat Grund genug, Zarathustra zu mahnen: "Hüte dich, daß dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfängt, ein harter, strenger Wahn!" (IV, Zar.).

IV. Der Ausgang.

Sogar Nietzsches Freund Rhode hat gefürchtet, von all den übermenschlichen Anmaßungen Nietzsches möchte einmal das zu Kreuze kriechen das Ende sein (Bern. 128). Und seine Freundin Lon Andreas Salome erzählt von einem Gespräch, in dem Nietzsche einmal halb im Scherz geäußert habe: "Ja, so beginnt nun der Lauf; und er wird fortgesetzt, bis wohin? Wenn alles durchlaufen ist wohin läuft man alsdann? Wenn alle Kombinationsmöglichkeiten erschöpft wären was folgte dann nach? Wie? Müßte man nicht wieder beim Glauben anlangen? Vielleicht bei dem katholischen Glauben?" Mit dem Hintergedanken trat er in den ernst hinzugefügten Worten aus seinem Versteck: "In jedem Falle könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand" (Lon Salome, S. 49).

Indessen ist Friedrich Nietzsche in den Erzeugnissen der letzten Jahre immer kühner und dreister geworden. "Das Ich will seinen Gott gebären und alle Menschen ihm zu Füßen sehen" (T. IX, Wille z. M. 768). "Dieser Gott soll nichts als der Höhepunkt der Macht (T. IX, Wille z. M. 712) sein, gedacht als Freigewordensein von der Moral." "Gott als der größte Immoralist der Tat", als Wille zur Macht ohne Güte und Weisheit (T. IX, Wille z. M. 304, 639, 1036, 1037). Der Antichrist dünkt sich stark genug, den "advocatus diaboli" ("Götz": Die vier gr. Irrt. 3, T. Wille z. M. 1019) zu spielen. Er glaubt an "das Höhersein des Unmoralischen" und wird so zum "Ehrenretter des Teufels" (1034, 1015). Diesem schrankenlosen Willen gegenüber, der das Schlechte mehr als das Gute bejaht, kommt ihm selbst die Frage auf die Lippen: "Wie, heißt das nicht populär geredet: Gott ist widerlegt, der Teufel aber nicht?" (Jens. 36). Er selbst nennt seine "Redlichkeit" "seinen Gott oder seine Teufelei" (Jens. 37).

Sein letztes Buch nannte er "Ecce homo". Dieser verzweifelte Angriff gegen den Gekreuzigten sollte die eigene Größe Nietzsches aufs höchste erheben:

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"Sehet, welch ein Mensch!" Es klingt wie eine Voraussicht seines Schicksals, wenn er am 16. Dezember 1886 an Peter Gast geschrieben hat: "Ich sehe nicht ein, wozu ich die tragische Katastrophe meines Lebens, die mit Ecce beginnt, noch beschleunigen soll."

Ende Dezember stürzte er in Turin auf der Straße nieder. Er wird in seine Wohnung gebracht und liegt zwei Tage fast regungslos auf dem Sofa. Durch überlautes Sprechen und Spielen, durch den Verlust des Geldbegriffs, und grinsendes Wälzen auf dem Fußboden tritt der Ruin dieses großen Geistes in Erscheinung. Aber noch vom 2. Januar 1889 besitzen wir eine Depesche und einen Zettel: "Vorwärts mit Ecce" (Ecce 144).

Mit eckig großen Krankheitszügen beschreibt er noch eine Anzahl Blätter. Er dünkt sich in ihnen als Gott, als Dionysos, der von seinen Freunden zerrissen und neu erstanden am Po umherwandelt (Bi. II, 2, S. 921). Um der Basler Professur willen mag er nicht so egoistisch sein, die Schaffung der Welt zu unterlassen (Bern. S. 230). In den Rasereien am Klavier stößt er unsäglich schauerliche Dinge über sich selbst als den Nachfolger des toten Gottes aus (Bern. S. 234). An König Humbert und einen Kirchenfürsten stellt er seine Ankunft in Aussicht als "der Gekreuzigte" (Bern. S. 294, 295). In diesen Tagen unterschreibt er sich abwechselnd: "Dionysos", "Dionysos Zagreus" oder "der Gekreuzigte" (Bi. II, S. 921).

Aus seinem Zettel vom 4. Januar an denselben Brandes, der auf seine Größe zuerst aufmerksam gemacht hatte, muß man auf das zerdrückende Bewußtsein seiner inneren Niederlage schließen: "Nachdem du mich entdeckt hast, war es kein Kunststück, mich zu finden, die Schwierigkeit ist jetzt die, mich zu verlieren. Der Gekreuzigte" (Bern. 229).

Es ist sehr bemerkenswert, daß er seiner Mutter erzählt hat, in Turin, wo er sich nur 1888 aufgehalten hat, die ganze Bibel studiert und Hundertelei notiert zu haben (Bern. 326). Daß er ebenso als Kranker oft gebeten hat, einen bestimmten Psalm oder ein betreffendes Kapitel vorzulesen, darf ebenfalls in Erwähnung gebracht werden, ohne daß man daraus bei dem Kranken die Schließung des Kreislaufes behaupten darf. Seine Krankheit hat jedoch einen immer stilleren Verlauf genommen. Nach dem Tode der Mutter, die in Naumburg täglich mit dem Kranken auszugehen suchte, siedelte 1897 die Schwester mit ihrem geliebten Bruder nach Weimar über, wo er in ihrer besten Pflege am 25. August 1900 verstorben ist.

Wer muß nicht aufs tiefste erschüttert sein, daß der Lebensabschnitt der gewaltigsten Selbsterhöhung des modernen Antichristen, daß der Tag der vermeintlichen Vernichtung des Christentums, der Zeit und Menschheit neu beginnen lassen sollte, daß der Moment, in dem er sich als Gott gefühlt hat, seinen Ruin und Wahnsinn bedeuten mußte!